Türkei - Autotour ins Gefängnis - 2016

Die Türkei - Tour beginnt wie jeder Abschnitt unserer bisherigen längeren Reise. Wir sind happy. Das schöne Äthiopien liegt hinter uns, die von uns so sehr geliebte Türkei liegt vor uns. Hier wollen wir unsere 2 jährige Erlebniswelt sehr, sehr langsam ausklingen lassen. Sehr langsam bedeutet, wir möchten per Auto die türkischen Landschaften im Schneckentempo inhalieren. In der Langsamkeit liegt für uns immer ein großer Segen, denn die Langsamkeit eröffnet Einsichten, Gedanken und Gefühle der ganz besonderen Art. Langsamkeit ist somit auch immer Luxus für uns. Und Langsamkeit benötigt Zeit. Gute 6 Wochen Zeit liegen vor uns.

Landschaften im Schneckentempo erleben
Landschaften im Schneckentempo erleben

In Antalya suchen wir uns eine Unterkunft in der bezaubernden Altstadt. Es fällt nicht schwer eine zu finden. Wir bemerken sehr schnell, dass die Gassen der Altstadt fast menschenleer sind, in den Restaurants gähnende Leere herrscht und wir ständig angesprochen werden, ob wir denn ein Zimmer suchen.

Unser Vermieter ist glücklich, dass wir gleich für 3 Nächte bleiben wollen, denn so hat er wenigstens eines seiner 10 Zimmer für die nächsten 3 Nächte an den Tourist gebracht. Und wir sind glücklich, denn wir haben ja den Luxus der freien Zimmerauswahl. Gemeinsam suchen wir Glücklichen das schönste Zimmer aus. Und da wir Glücklichen ja alle Zeit haben, frage ich den Vermieter, warum sind denn so wenig Touristen in Antalya?

Das Glück hat uns verlassen, gibt er mir zu verstehen. Die Glücks - Töter sind sehr vielfältig. Nicht nur ein Drachen speit Feuer. Die Kurden, die Russen, die EU, die Terroristen, die ISIS, die Bombenleger, die Merkel, die vielen Flüchtlinge, der Krieg in Syrien, und …

Und wer?

Du weißt schon wen ich meine, spricht er sehr leise.

Erdogan?

Er sagt nicht ja. Er nickt nur.

Altstadt von Antalya
Altstadt von Antalya

So verbringen wir die Tage in Antalya mit viel Langsamkeit, bestaunen täglich unsere verträumte Domizil- Aussicht, schlemmen in menschenleeren Restaurants, bestaunen die vielen neuen Häuser der Großstadt, schlendern durch die Altstadt, schlendern zum Hafen, schlendern, schlendern, schlendern... und suchen uns so nebenbei einen fahrbaren Untersatz.

Der Küste immer entlang
Der Küste immer entlang

Man spricht Deutsch in der Autovermietung. Auch hier ein Klagelied auf die feuerspeienden Drachen. Erst als ich den Mietzeitraum preisgebe, versprüht der Vermieter einige Glückshormone. 6 Wochen möchten wir, sofern der Preis stimmt, sein Auto mieten. Irgendwann stimmt dann tatsächlich der Preis.

Wo wollt ihr eigentlich hin?, fragt er.

Der Küste entlang, rauf nach Anatolien, zum Nemrut Dag, rüber zum Schwarzen Meer, da wo es halt schön ist. Wir haben ja Zeit. Wir wollen uns treiben lassen.

Gut so! Fahrt aber bitte nicht nach Diyarbakir, denn dort ist es wirklich gefährlich. Da gibt es momentan täglich Probleme, Bomben und so.

Diyarbakir kennen wir von früheren Touren. Mit dem Camper und auch mit dem Fahrrad waren wir schon dort. Die Stadt ist auch unter dem Namen, die „Heimliche Kurdenhauptstadt“, bekannt.

Noch in Äthiopien (Mitte März) habe ich übers Auswärtige Amt die Sicherheitshinweise für die Türkei gelesen. Da Stand sinngemäß geschrieben, in Großstädten Menschenansammlungen meiden und in den Kurdengebieten und grenznahen Gebieten zu Syrien und Irak ist mit vermehrten Kontrollen zu rechnen. Den Weisungen der Sicherheitskräfte sollte man Folge leisten.

Die Mitteilungen waren nicht unbedingt sehr aufregend für mich, denn schon immer haben wir, speziell was die Osttürkei betrifft, von den Problemen gewusst und dies auch in der Regel als Randerscheinungen mitbekommen. Es gab aber nie so richtige Probleme. Um auf Nummer sicher zu gehen, war für uns auch immer wichtig, frag einfach die Menschen vor Ort, denn die kennen sich am besten aus. Damit sind wir immer gut gefahren.

Ich sage dem Vermieter, nach Diyarbakir wollen wir nicht.

Bevor wir Antalya verlassen, kaufen wir noch in aller Langsamkeit ein. Neben Lebensmitteln brauchen wir unbedingt zwei wuschelige Decken. In den Bergen ist es kalt, habe ich Gi geflüstert.

Alles an Bord
Alles an Bord

Unser fahrbarer Untersatz bietet alles was wir benötigen. Am angenehmsten ist das Raumvolumen. So macht die Langsamkeit viel Freude. Da wo es uns gefällt stoppen wir, verweilen je nach Lust und Laune, grillen, lassen die Seele baumeln, unternehmen Wanderungen, besorgen Proviant, schauen für Stunden in die Landschaft oder huscheln uns für die Nachtruhe in unsere Wuscheldecken.

Sie gehören dazu
Sie gehören dazu

Wenn aber die Sonne siegt, sind wir natürlich nicht böse. Wir tanken dann ihre Energie in uns auf. 

Wir tanken ihre Energie
Wir tanken ihre Energie

Sie schenkt uns Regenbögen. Sie schenkt uns Farben. Sie schenkt uns wunderschöne Momente, Stunden und Tage. Und wir lernen viel.

Sie schenkt uns Farben
Sie schenkt uns Farben

Auf unserem Weg nach Osten, übernachten wir auch an drei Burgen. Wir lieben die Ruhe an diesen Burgen. Wir fühlen uns da  immer irgendwie beschützt, irgendwie geborgen. Eine ganz besondere Burg finden wir östlich von Adana. 15 Tage sind wir da schon mit unserem Raumwunder unterwegs. Um die 1700 Kilometer zeigt mir der Tacho für die Strecke bisher. Wir haben ja Zeit. Und die Langsamkeit hat uns bisher so viel gegeben. Die Besonderheit der Burg? Vom Hügel aus können wir schon die nächste Burg Richtung weiter Osten erspähen. Am nächsten Tag, es ist der 18. April, lassen wir aber die nächste Burg links liegen, fahren im Wohlfühltempo einfach weiter, denn ich bin mir sicher, noch viele weitere Burgen werden wir finden.

Burgen sind eigentlich ideal als Nachtlagerplatz
Burgen sind eigentlich ideal als Nachtlagerplatz

Wie immer machen wir lange Pausen, denn Picknick auf türkische Art benötigt Stunden. Wir lieben diese Stunden mit genüsslichen Leckereien. Und kaum im Auto zurück, folgt der nächste Stopp, denn Mohnblumenfeld folgt auf Mohnblumenfeld. Was ich da noch nicht wissen kann, es wird für die nächsten Wochen das letzte Foto.

Letztes Bild für lange Zeit
Letztes Bild für lange Zeit

Nur wenige Kilometer weiter, finden wir, ca. 5 km südlich von Gaziantep, mit Hilfe von Bauern eine weitere Burg. Sie ist in meiner Karte eingezeichnet, war aber schwierig zu finden. Eigentlich ist es nur ein Burghügel mit nur noch wenigen uralten Steinen. Da es schon spät ist bleiben wir aber. Am nächsten Morgen wollen wir zum Nemrut Dag (herrlicher Berg im Norden) weiter fahren. Gerade, als wir Abendbrot machen wollen, kommt ein Polizist auf einem Moped zu uns.

Ihr könnt hier nicht schlafen, hier ist kein guter Platz, erklärt er uns.

Wir fragen, wo ist denn ein guter Platz? Im nahen Dorf, sagt uns der Mann.

Ich fahre die ca. 500 Meter ins nahe Dorf. An der Dorfbrücke finden wir einen geeigneten Platz, denken wir zumindest.

Gut eine Stunde später, es ist bereits Dunkel, werden wir von schwer bewaffneten Polizisten umstellt. Das Auto wird sofort durchsucht. Wir müssen unsere Pässe abgeben. Wir werden verhaftet, müssen mit in die Polizeistation. Der Alptraum beginnt. 

Die folgenden Ereignisse sind für uns, von ihrer surrealen Vielfältigkeit so immens, dass es mir lange nicht möglich war, all die Ereignisse im Detail zu beschreiben, denn sie würden ein Buch füllen. Auch sind bestimmte Erlebnisse für uns noch immer nicht richtig einzuordnen, noch immer nicht richtig verarbeitet. Später vielleicht etwas mehr. 

Stand Sommer 2016.

Viele Monate später

 

Ich hatte lange überlegt, ob ich ein Buch über unsere Gefängniszeit in der Türkei schreibe. Mir war nämlich bewusst, dass wir dann vorerst nicht mehr in der Türkei unterwegs sein können. Wir mögen das Land sehr. Es hatte uns bis zu unserer Verhaftung sehr viel Freude auf unterschiedlichsten Touren bereitet.

Warum habe ich es trotzdem geschrieben?

Die Freiheit der Worte sind einfach wichtiger. Und ich war und bin es den vielen unschuldig Inhaftierten einfach schuldig. Hunderte von Journalisten, Schriftsteller und Blogger wurden in den letzten Jahren weggesperrt. 

Bei Interesse: Seit März 2018 gibt es die Gefängnis-Geschichte als Buch. Link folgen über:

 

"Gestohlene Freiheit" 

Gestohlene Freiheit - 256 spannende Seiten
Gestohlene Freiheit - 256 spannende Seiten

Klappentext

 

Es ist der Alptraum jedes Touristen: Während einer Autotour durch die Türkei werden Gisela und Wilfried Hofmann im Jahr 2016 willkürlich von Gendarmen verhaftet. Den beiden Weltenbummlern aus Thüringen wird Spionage vorgeworfen. Zuerst glauben sie an einen Irrtum, aber schon die ersten Stunden entwickeln sich zu einem Nervenkrieg, der insgesamt 24 Tage dauern sollte. Getrennt voneinander kommen beide in Haft. Wilfried hat 79 Zellengenossen aus 24 verschiedenen Nationen. Ihre Kinder dürfen sie nicht anrufen, die Botschaft nur ein einziges Mal. 

 

Es sind Tage und Nächte der Verzweiflung, Hoffnung und Enttäuschung. Dabei wird ihnen schnell bewusst, dass Unmenschlichkeit, Verlogenheit und Korruption zum türkischen Justiz- und Gefängnis-Alltag gehören.

 

Gebundenes Buch 17,99 €  /   E - Book 13,99 €

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Buch - Gestohlene Freiheit

Gestohlene Freiheit - Unsere Zeit im  türkischen Gefängnis -
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