August 2015

 

Indien mit einer Royal Enfield - 10.000 km - 4 Monate

Abenteuer pur
Abenteuer pur

Warum ausgerechnet Indien? Während unserer Weltradeltour (2007-2011) waren wir für einige Monate in Indien unterwegs. Es entwickelte sich während dieser Indien-Radelzeit eine Hassliebe. Diese Monate, zwischen Hass und Liebe, werden wir nie vergessen, denn Indien war für uns, von all den bereits bereisten Ländern, der Kulturschockhammer Nummer 1. Übrigens war es bei Gi damals mehr Hass. Bei mir war etwas mehr Liebe dabei.

Im Flughafen Delhi, steigen wir in die supermoderne Metro, um ins Zentrum zu gelangen. Dabei kommen wir mit 2 netten Jungs ins Gespräch. Wo wollt ihr schlafen, fragen sie. In Paharganj haben wir ein Zimmer gebucht. Da müsst ihr umsteigen. Wir sagen euch, wenn es soweit ist. Danke!

Die Jungs sind wirklich echt nett. Sie erklären uns auch, dass es in Paharganj die meisten Diebe gibt, die Menschen dort oft nicht gut sind und wir sehr, sehr aufpassen sollen.

Wir erzählen den Jungs, dass wir vor einigen Jahren auch im Bahnhofsviertel geschlafen haben, uns also auskennen. Das ist gut so, sagen sie. Trotzdem sollen wir ständig aufpassen, denn das Viertel ist bestimmt nicht besser geworden.

Die netten Jungs warnen uns
Die netten Jungs warnen uns

Doch insgeheim denke ich auch, Jungs sehr nett von euch, doch einem alten Reise-Hasen müsst ihr nichts erzählen. Wir haben schon so viel erlebt, die Gauner vom Bahnhofsviertel beißen sich an uns die Zähne aus.

Über eine Fußgängerbrücke, welche den ganzen chaotischen Bahnhof überspannt, wollen wir ins berühmt-berüchtigte Viertel gelangen. Das indische Chaos greift sofort nach uns. Ein uniformierter Mann erklärt uns, wir dürfen da nicht rüber, denn das Viertel sei für Touristen gesperrt. Wir wollen doch nur zum Hotel, sagen wir.

Könnt ihr nicht, denn das Viertel ist von der Polizei abgeriegelt.

Plötzlich steht ein zweiter Mann neben uns. Geht mit mir. Ich werde euch helfen. Nicht weit von hier ist die offizielle Touristinformation von Delhi. Ich kläre euch dort auf.

Dort angelangt, beginnt er seinen Vortrag. Vor einiger Zeit wurde das Todesurteil für einen Mann aus diesem Viertel vollstreckt. Er war am Attentat in Mumbai beteiligt (das Attentat war im Jahre 2008 – 174 Opfer). Seit der Vollstreckung gibt es dort Unruhen und das Viertel wurde für Touristen gesperrt.

Jetzt müssen sich zudem alle Touristen in Delhi registrieren lassen. Dafür brauche ich eure Pässe für eine Ablichtung.

Klingt glaubhaft, denke ich, denn die Geschichte vom Attentat kenne ich. Auch kann ich mich erinnern, dass ein Attentäter gefasst wurde.

Wir haben aber ein Zimmer im Viertel gebucht, erklären wir unserem Helfer.

Habt ihr eine Telefonnummer?

 

Ich gebe ihm die Nummer. Minuten später steht die Verbindung.

Ja, das Viertel ist gesperrt für Touristen. Es wäre besser, ihr sucht euch ein Hotel außerhalb und natürlich wird für die Buchung per Internet eure Kreditkarte nicht belastet. Es ist ja nicht eure Schuld, sagt mir eine Stimme am Telefon.

Unser Helfer will uns eine neue Unterkunft besorgen, natürlich in einem sicheren Viertel, wie er sagt.

So nebenbei gibt er uns zwei Gästebücher. Da sollen wir reinschauen, bis die Pässe von der Ablichtung zurück sind.

Wir beginnen zu lesen. Da stehen Kommentare auf Deutsch und Englisch drin. Lob erschlägt da fast das nächste Lob. Prima sei unser Helfer. Er ist der beste Mensch von ganz Indien. Er besorgt Taxifahrer, sichere Hotels, vermittelt die tollsten Touren, diese sind natürlich unschlagbar preiswert und, und …

Mir fällt auf, dass die geschriebenen Texte, von der Schreibform her, fast alle gleich aussehen und das Gästebuch, untypisch indisch, viel zu ordentlich erscheint. Da hat sich jemand unheimlich Mühe gegeben. Mir geht bei diesen Gedankengängen langsam aber sicher ein Lichtlein auf.

Ich rede mit Gi. Ich glaube der Kerl will uns linken!

Ich habe auch ein blödes Gefühl. Irgendwas stimmt hier nicht, flüstert mir Gi zu.

Pass auf Gi, bis wir die Pässe zurück haben, machen wir das Spiel mit. Dann lassen wir Dampf ab. Danach suchen wir uns ein Tuk-Tuk und lassen uns zur Unterkunft bringen.

30 Minuten später verlassen wir die dampfende Bude mit unseren Pässen. Die netten Metro-Jungs hatten recht. Die Nepper, Schlepper und Bauernfänger am Hauptbahnhof von Delhi werden immer gerissener.

Am Abend schauen wir vom Hoteldach auf die Basarstraße. Natürlich wusste im Hotel niemand etwas von den Unruhen. Auch gab es keinen Anruf.

Die Basarstraße, welche eigentlich nur eine breite Gasse ist, hat sich seit unserer Fahrradtour kaum verändert.  

Es ist immer noch die Gasse mit dem unglaublichen Stromkabelsalat, mit unzähligen verwinkelten Verkaufsbuden, mit Unterkünften der gerade noch ertragbaren und unerträglichen Art, mit ständig dahin strömenden Menschenmassen, mit von Abgasen geschwängerter Luft, mit Restaurants aller Kategorien, mit Tattoostudios, Bars, bewachten Geldautomaten, Taschendieben, Rauschgift-händlern, herumflitzenden Ratten, streunenden Hunden, im Müll mampfenden Kühen, mit 20 Stunden Lärm täglich, mit unglaublich stinkenden Urinalen und doch auch so manch freudiger Überraschung. Es gibt nämlich zum Beispiel noch immer mein damaliges Lieblingsgericht in der Gasse. Kartoffelpüree mit gebratenen Zwiebeln bestelle ich somit täglich.

Unsere ''Räubergasse''
Unsere ''Räubergasse''

Knapp eine Woche bleibt die Räubergasse unser Basislager. Da wir ja in Indien motorisiert unterwegs sein möchten, gibt es einige Wege zu erledigen. An diesen Tagen regnet es fast ständig. An manchen Tagen ist es so schlimm, dass wir kaum die Räubergasse verlassen mögen.

Regenzeit
Regenzeit

Wenn man in Delhi irgend etwas sucht, sucht man in der Regel Stunden, denn auch wenn man eine Adresse hat, ist es nicht gesagt, dort auch wirklich anzukommen. Die Rikschafahrer sind clevere Typen. Zweimal zeige ich die Adresse von einem bestimmten Motorradshop. Ja, ich fahre euch dahin, war immer die Aussage. Zweimal stellt sich aber heraus, dass die Fahrer keinen blassen Schimmer haben, wo der Shop sein könnte. Beide können sie nicht lesen, wollten aber Geld verdienen. Nach Stunden finden wir den Enfieldshop.  

Es gibt dutzende Vermietstationen in Delhi
Es gibt dutzende Vermietstationen in Delhi

Nach weiteren 4 Stunden unterschreiben wir einen Vertrag. Wir sind somit auf Zeit Besitzer einer Royal Enfield . In 3 Tagen können wir das Motorrad abholen.

Gi geht es nun nicht mehr schnell genug, doch einiges muss noch an der Maschine gerichtet werden. Wir brauchen einen stabileren Gepäckträger, ein Ölwechsel ist fällig und die Bereifung muss erneuert werden.

Pausen sind immer wichtig
Pausen sind immer wichtig

Die 3 Tage nutzen wir zur Stadtbesichtigung. Regnet es dabei nicht, so schwitze ich mich Nass.

Irgendwie immer nass
Irgendwie immer nass

Für Delhis Kinder ist die Regenzeit gleich Badezeit.

Badezeit in Delhis Straßen und Gassen
Badezeit in Delhis Straßen und Gassen

Von unserer Räubergasse aus, ist die Freitagsmoschee von Delhi nicht weit entfernt. Da gerade Freitag ist, statten wir ihr einen Besuch ab. Die Moschee selbst ist nicht unbedingt eine Schönheit. Noch nie haben wir eine Freitagsmoschee in solch einem schmutzigen Zustand gesehen. Sie gleicht da irgendwie der ganzen Stadt. Auf dem Weg bis zur Moschee, erleben wir indisches Chaos in Reinkultur. Die Straßen und Gassen sind permanent verstopft. Da sich jeder den Weg freihupen will, ist der Muezzin fast nicht zu hören. Und doch finden wir, nur etwas später, in all den Gassen, auch Minuten der Ruhe, Minuten der Entspannung und Minuten der Gelassenheit.  

Freitagsmoschee
Freitagsmoschee

Was wir da hoffen? Aus diesen Minuten werden bald Stunden und Tage werden. Wir sind gespannt, was sich alles in Indien verändert hat? Wir sind auch gespannt, ob die Idee mit dem Motorrad gut ist? Es wird unsere erste Tour auf einem Motorrad sein. Ich will auch gleich zugeben, wir sind absolute Motorradlaien. Die notwendigsten Dinge haben wir uns erklären lassen. Vorerst soll uns die Enfield bis ans Südkap von Indien bringen. Dies sind immerhin weit über 3.000 Kilometer. Wird die Maschine durchhalten? Werden wir durchhalten? Wird es ein Neues Abenteuer? Wird aus Hass mehr Liebe oder aus Liebe mehr Hass? Viele Fragen sind noch offen.  

Minuten der Entspannung
Minuten der Entspannung

Unsere Royal Enfield ist eine 500er Bullet, wiegt mit Beladung weit über 4 Zentner, hat 5 Gänge, 25 PS, einen luftgekühlten Motor, benötigt unter 4 Liter Benzin auf 100 Kilometern und hat natürlich den unnachahmlichen Motorsound. Halt typisch Enfield- Melodie.

Da unsere Maschine schon etwas angerostet ist, viele Kilometer hinter sich haben muss, aber trotzdem irgendwie bissig wirkt und wir seit unserer Radeltour durch Indien wissen, wer hier im Straßenverkehr nicht kämpft hat sofort verloren, bekommt unsere Enfield von mir den Namen Kampfmaschine verpasst.

Die erste Herausforderung ist, Kampfmaschine irgendwie ordentlich zu bepacken. Nach viel hin und her, findet aber alles was wir denken auf der Tour zu benötigen, seinen Platz. 

Verpackungskünstlerin
Verpackungskünstlerin

Die zweite Herausforderung wird sein, ich muss schnellstmöglich ein Gefühl für die Maschine bekommen, den Linksverkehr verinnerlichen und mich ständig aufs Wichtigste konzentrieren. Ich möchte ja unter keinen Umständen die Maschine umwerfen oder gar einen Unfall erleben müssen.

Da wir wirklich nicht wissen, was so alles auf uns zukommt, ob uns diese Reiseform überhaupt gefallen wird, ob wir technische Probleme unterwegs meistern werden, auch wenn andere Umstände uns zwingen würden Indien schnell zu verlassen (z.B. Krankheit usw.), haben wir vertraglich festgelegt, dass wir das Motorrad auch vor Ablauf der Vertragszeit (4 Monate), zurückbringen können und dann nur die tatsächliche gefahrenen Tage verrechnet werden. Ein gutes Entgegenkommen, finde ich zumindest.  

Als wir versuchen, Delhi zu verlassen, grüßen uns 3 Männer von einem Autodach.

Der ganz normale Wahnsinn
Der ganz normale Wahnsinn

Indien ist anders. Indien kann schön sein. Indien kann aber auch verrückt sein. Was wir hoffen, die Grüße sind ein gutes Omen für unsere Tour.

 

Ob der Versuch klappt, Delhi wirklich schnell zu verlassen, erzähle ich aber erst im nächsten Teil.

 

Kilometerstand: 0

 

August 2015

 

Teil 2 oben rechts anklicken oder einfach Link folgen: Teil 2

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