Immer Richtung Süden

Von der Gandhi-Stadt sind es nur relativ wenige Kilometer bis zum Meer. Wir freuen uns aufs Meer. Genau ist es der Golf von Gambay. Dieser zieht sich nach Süden bis zur Megastadt Mumbai. Doch wenn ein Gewässer den Beinamen Golf hat, zudem Mumbai sozusagen als Nabelschnur anhängt, so ist Vorsicht angesagt, denn nur selten ist ein Golf wirklich so richtig zum baden tauglich.

Endlich am Meer
Endlich am Meer

Der Sonnenuntergang selbst sieht herrlich aus, denke ich zumindest. Der würde sich im Neckermann Reisekatalog für diese Region  einstellen lassen. So können Bilder aber täuschen, denn noch nie haben wir solch ein mistiges Gewässer gesehen. Und natürlich verkauft Neckermann auch keinen Badeurlaub am Golf von Gambay. Da könnte Neckermann sehr schnell seinen Laden dicht machen. Das es die Inder mit Umwelt- und Gewässerschutz, vornehm ausgedrückt, sehr lotterhaft nehmen, ist ja weltweit kein Geheimnis, doch was wir hier erleben, spottet jeder Beschreibung. Um die 150 Kilometer Küste bis Mumbai sind total vermüllt. Um die Badewasser-qualität überhaupt testen zu können, müssten wir über Müll stiefeln. Dafür wäre ein Ganzkörper-kondom sehr dienlich. Zwangsweise bleiben wir eine Nacht am Müll-Strand. Der Tag neigt sich nämlich zum Abend.

Wer denkt sich nur solche paradiesischen Namen für einen total vermüllten Strand aus? Der Strandabschnitt hat tatsächlich den Namen Silberstrand. Der Name Schweinchenküste ist mir übrigens eingefallen, da wir entlang der gesamten Küste, bis runter zum südlichsten Indienpunkt (Kap Komorin) fast täglich irgendwie auf richtige Schweine treffen werden. Sie rennen durch die Dörfer und Städte, suhlen sich im Müll, in Abwässern und ich muss beim Zusammentreffen immer ordentlich acht geben, dass ich ja keines der so freien Schweine überrolle. Zur Ehrenrettung der Schweinchen, sie sind natürlich an der Golfvermüllung nicht Schuld. Die eigentlichen Schweine sind ganz andere.

Täglich grüßt das Schwein
Täglich grüßt das Schwein

Wegen der unangenehmen Vermüllung legen wir ab Daman einen Kampfmaschinen- Zahn zu. Wir nehmen uns zumindest vor, einen Zahn zuzulegen. Mumbai versuche ich dabei weiträumig zu umfahren. Die von Menschenmassen wimmelnde Großstadt ist uns nicht unbekannt. Sie hat gewiss einige schöne Seiten, doch mindestens genauso viele bescheidene Blätter.

Ob in Mumbai 20, 25 oder noch mehr Millionen Menschen leben ist nicht bekannt. Genaue Zahlen gibt es nicht. Was aber sicher ist, ungefähr die Hälfte der Einwohner lebt in sogenannten Slums. Dort gibt es keine Wasseranschlüsse und keine Kanalisation. In diesen Slums sind biblische Krankheiten und die Kindersterblichkeit sehr hoch angesiedelt. 

Der Versuch der weiträumigen Umfahrung ist geprägt von weiteren Problemen der Megacity. Stau folgt da auf Stau. Wir atmen dabei Abgase und Staubwolken ein, welche wir als Überdosis empfinden und so noch nie erlebt haben. Wenn ich dann aber fahre, hoppeln wir von Schlagloch zu Schlagloch. Ich kämpfe um eingebildete Vorfahrten und bin nach Stunden im Stau, nach Stunden in den Abgaswolken, und dem irgendwann unerträglichem Gehupe, fast völlig am verzweifeln. Ich bin einfach nur noch geschafft. Ich könnte auch schreiben: Mit den Nerven am Ende!   

Südlich von Thane (Thane gehört noch zum Großraum von Mumbai) gebe ich auf. Wir steuern die nächstbeste Unterkunft am Highway Nummer 4 an. Ich mag nicht in der Nacht fahren. Circa 200 Kilometer ist die Tagesausbeute. Diese geteilt, durch ca.10 von Abgasen geschwängerten Stunden, entspricht erstaunlichen 20 Kilometern pro Stunde.

Das nächstbeste Hotel ist nur eine Notlösung für eine Nacht. Zum Glück haben wir unseren eigenen Bettüberzug dabei. In manchen Unterkünften der Billigkategorie erfolgt ein Wechsel der Bettlaken nämlich nur sporadisch. 

Man bringt uns zwei staubtrockene Handtücher. Man bringt uns ein Stückchen geruchloser Seife. Man zeigt uns, welche der 7 Lampen wirklich funktionieren, welcher Kippschalter zu welcher Lampe gehört und auf welcher Steckdose wirklich Strom umherirrt. Man wechselt die toten Batterien der Fernbedienung für den Fernseher. Komisch dabei, wir wollen eigentlich gar nicht schauen. Interessant dabei, die Jungs sind immer mächtig stolz über ihre Fernseher. Man zeigt uns die europäische Toilette. Auch hier verzaubert viel Stolz den Raum. Man bringt uns eine Alukanne mit Trinkwasser. Man fragt, ob wir einen Tee möchten.

Was wir wirklich möchten, dauert dafür aber sehr lange. Versprochen wurde uns, es gäbe tatsächlich eine heiße Dusche. Der Hahn spuckt aber nur einen dünnen Faden kaltes Wasser aus. Also frage ich nach. Ja, das heiße Wasser wird kommen, ist die Antwort. Nach einer halben Stunde klopft es erneut an der Tür. Kaum geklopft, geht die Tür auch schon auf. In der Hand hält der Junge einen dampfenden Eimer mit heißem Wasser. Die Notlösung entpuppt sich als gute Lösung. Die Jungs sind zwar sehr neugierig, somit auch nervig, doch letztendlich aber auch auf Zack.  

Das es auch ohne viel Neugierde geht, erleben wir Tage später. 

Im Dschungel?
Im Dschungel?

Die Landschaft wird endlich grüner und verzaubert wirkende Hügelketten säumen den Weg. Die Unterkünfte suchen wir uns schon immer am frühen Nachmittag. Wir tuckern dann ohne Gepäck ein bisschen durch die Landschaft oder unternehmen kleinere Wanderungen. So manchen Fluss, so manches Flüsschen überqueren wir, entdecken dabei viel schönes und und erfreuen uns der täglich zunehmenden Andersartigkeit. Die Wasserbüffel überraschen uns mit ihrer erfreulichen Gemütlichkeit.  

Wir entdecken den ersten Wasserfall in den Hügelketten. An manchen Tagen tuckern wir über Stichstraßen an die Küste. Von Tag zu Tag stellen wir dabei fest, der Küstenmüll wird weniger und das Meer bekommt eine bessere Farbe. 

Der kleine Bundesstaat Goa wird sehr oft als wunderschön beschrieben. Schuld daran sind angeblich die herrlichen Strände, die sattgrünen Reisfelder, das kristallklare Wasser, das gute Essen, die weißen Kirchlein unter Palmen, die nie endenden Techno-Partys und vieles mehr. Ich kann da nur zustimmen, denn bis auf die Partys ist Goa noch immer ein indischer Traum im Sinne von: Ich mach mal ordentlich Urlaub jetzt!

Nach bisher 2040 ertuckerten Kilometern genehmigen wir uns genau diesen Traum!

Wir nächtigen in Anjuna, bekannt auch als fester Bestandteil der Goa- Hippieszene. Geliebt wird Anjuna außerdem auch wegen seinen berühmt-berüchtigten Flohmarkt. Dieser ist in der Nebensaison allerdings leblos. Für uns kein Problem, denn wir lieben die Ruhe. Ruhe gibt es für uns sehr viel. Es ist nämlich gerade absolute Nebensaison.

Wir suchen uns eine Unterkunft ohne viel Neugierde. Dies fällt nicht schwer, denn in der absoluten Nebensaison bleiben viele Betten leer, ist somit der Preis auch gut verhandelbar und beim Verhandeln kann man auch gleich den Neugierfaktor einschätzen.

 

Unser Basislager für die nächsten Tage ist keine Notlösung. Man bringt uns mauschelige Handtücher, gut riechende Seife und frisches Trinkwasser. Dafür wir nur einmal an unsere Tür geklopft. Der Neugierfaktor ist fast Null. Die Dusche berieselt uns mit heißem Wasser. Und viele, viele Palmen werfen Schatten auf unsere Veranda. Wir genießen die Aussicht und lauschen den Wellen. Was braucht man mehr?

Was braucht man mehr?
Was braucht man mehr?

Natürlich braucht man, zumindest wir, auch etwas Bewegung. Lange Spaziergänge durch Palmenhaine, an Reisfeldern entlang, durch Dörfer und am hübschen Strand sind angesagt. Auch wenn keine Hochsaison ist, so ist am Strand doch oft einiges los.

 

Die Inder sind ein absolut interessantes Volk. Ich liebe Andersartigkeiten, denn ich Frage mich da immer, warum ist es so, warum sind sie so? Und in Indien gibt es viele dieser Fragestellungen.

Die Inder sind immer in Gruppen unterwegs. Ganze Dorfgemeinschaften, zumindest die, welche es sich leisten können, hoppeln mit vorzeitlichen Bussen, besonders an den Wochenenden, an den Strand. Dort wollen sie ihren Spaß haben. Spaß ist ja weltweit erlaubt. Was mich aber wundert?

 

Warum schmeißen, rollen, hüpfen und schaukeln sie sich alle nur ins flache Wasser? Warum kommen manche Männer nicht mehr auf die Beine? Warum trillern die Rettungsschwimmer ständig mit ihren Trillerpfeifen?

Die meisten Inder können nicht schwimmen. Viele von den Nichtschwimmern kommen in ihrem Leben nur einmal an den Strand. Vor lauter Freude schmeißen, rollen, hüpfen oder schaukeln sie sich dann in die kleinen Wellen am Ufer. Da die Rettungsschwimmer natürlich wissen, dass die meisten Inder Nichtschwimmer sind, trillern sie ständig sobald einer von ihnen 2 Meter vom Ufer weg ist.   

Viel Freude
Viel Freude

Ja, die meist männlichen Busladungen wollen ihren Spaß haben. Um ordentlich Spaß zu haben, trinken viele von ihnen viel Bier und härtere Sachen. Bei über 30 Grad hinterlassen die Prozente halt ihre Spuren. Manche Männer bleiben dann einfach liegen, schlafen ihren Rausch aus.

Berauscht vom Meer und den Prozenten
Berauscht vom Meer und den Prozenten

Warum sind an diesen Wochenenden aber so viele Männer am Strand? Genau wie in vielen anderen Gesellschaftsformen auch, haben die Männer in Indien einfach mehr Rechte, nehmen sich mehr Rechte raus, und werden oft noch durch die Landespolitik oder durch die vorherrschenden Religionen dabei unterstützt. Trotzdem gönne ich ihnen ihren Indischen Männertag, denn trotz Prozente sind sie in der Regel nur sehr lustig und nicht aggressiv.

Nach längerer Überlegung komme ich auf einen weiteren Grund bezüglich der Männerhoheit. Es wird geschätzt, dass in Indien die Männeranzahl ca. 15 Prozent über den biologisch normalen Durchschnitt liegt. In einigen Familien wird leider dafür gesorgt, dass mehr von den so ''wichtigen'' Männer das Licht der Welt erblicken. Im Gegenzug bedeutet dies natürlich, Mädchen werden abgetrieben oder es geschieht gar noch schlimmeres.

 

Da es natürlich auch viele normal denkende Inder gibt, sind auch Frauen am Strand zu sehen. Und ich empfinde genau diese Frauen als die eigentlichen Farbtupfer an den langen Stränden der Westküste. Folgendes Bild zeigt uns zudem, auch ohne Alk-Prozente gibt es scheinbar viel zu lachen.

Farbtupfer an Goas Küste
Farbtupfer an Goas Küste

Das die Wellen an Goa's Küste auch ohne Alkohol gefährlich für Schwimmer sein können, erlebe ich selbst leidvoll. Da an einem Tag die Wellen besonders hoch sind, muss ich natürlich den Nichtschwimmern vorführen, was für ein Kerl ich bin. Die Show dauert nur wenige Minuten, denn eine sogenannte Doppelwelle (2 hohe Wellen kurz hintereinander) haut mich gewaltig durch die Küstenwaschmaschine. Ich verliere blitzschnell die Unterwasserorientierung, drehe mich im Schnellwaschgang und knalle sehr hart auf den Meeresgrund.

Es wird schmerzlich
Es wird schmerzlich

Der dabei empfundene Schmerz ist nicht ohne. Am Strand angekommen, bin ich happy, es irgendwie bis dorthin geschafft zu haben.

Die folgende Nacht geht einher mit sehr schmerzhafte Stunden. Meine rechte Schulter hämmert. Es sind regelrechte Schübe. Dabei schwitze ich wie ein Saunagänger. Ich schwöre mir, am Morgen wird ein Arztbesuch stattfinden, denn da ist wirklich was nicht in Ordnung!

Gi mag sich das Gewimmer von Wi in der Nacht nicht mehr anhören. Aus einer ihrer Wundertüten zaubert sie Schmerztabletten hervor. Sie bastelt mir aus einem Tuch eine stabile Stütze für meinen Arm. Irgendwann schlafe ich wirklich ein.

Als ich aufwache, verspüre ich noch immer große Schmerzen, doch sie sind nun fast erträglich. Der Arztbesuch kann warten, beschließe ich. Wir verlängern unsere Übernachtung um 3 weitere Nächte. Dann kann ich sicherlich Kampfmaschine wieder steuern, sage ich etwas wehleidig zu Gi. Und mir zeigst du jetzt wie Kampfmaschine funktioniert, sagt überraschend Gi in sehr ernsthafter Tonlage. Wir wollten doch nach Arambol tuckern. Das muss ja ich jetzt übernehmen! Im Schnelldurchgang zeige ich Gi die Feinheiten und Grobheiten von Kampfmaschine.

Was für ein Mädel hab ich dabei!
Was für ein Mädel hab ich dabei!

Wenig später tuckert Gi wie ein Profi die holprigen 30 Kilometer bis Arambol. Und natürlich auch zurück. Was für ein Mädel hab ich dabei! Wenn nur nicht all die schmerzerzeugenden Schlaglöcher wären, ich würde mich wie im siebten Himmel fühlen.

In Arambol haben wir während unserer Weltradeltour Silvester 2007 erlebt. Ich werde es nie vergessen, denn es war meine erste Technoparty. Nach einer halben Stunde eintanzen, wirbelte ich dann bis zum Morgen im Rhythmus meiner damaligen neuen Leidenschaft.

 

Nach 3 Tagen sind die Schmerzen noch nicht ganz weg, doch ich fühle mich besser. Wir bepacken Kampfmaschine und tuckern weiter Richtung Süden. Goa wollen wir noch nicht verlassen. Ein weiterer Strand soll uns die Zeit versüßen. Was wir da noch nicht Wissen, es wird ein Zauberstrand für uns werden.

 

Davon erzähle ich dann erst im nächsten Teil. Zur Überbrückung jedoch schon jetzt ein Bildchen vom Strand der verzauberten Sonnenuntergänge.  

Schmerzhaft schön
Schmerzhaft schön

Kilometerstand: 2150 km                                                 Stand: Ende September 2015

 

Teil 5 oben rechts anklicken oder einfach Link folgen: Teil 5

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