Iran Teil 3

Immer irgendwie Nordwest

Nach dem Abschied von der iranischen Perle, laufen wir stadtauswärts Richtung Nordwest. Unser nächstes größeres Etappenziel ist die iranische Provinz Kurdistan. Wieder umgibt uns täglich Hügelland. Versteckt zwischen den Hügeln erblicken wir in den nächsten Tagen nur wenige Städte. Diese sind in keinem Reiseführer erwähnt. Zwischen diesen Städten zieht sich das Hochland vom Zagrosgebirge entlang. An manchen Tagen erblicken wir Schneegipfel in der Ferne.  

Schneegipfel
Schneegipfel in der Ferne
Wind
Der Wind weht uns heftig ins Gesicht

Abwechselnd wandern wir oder nette Kraftfahrer nehmen uns stückchenweise mit. Beim Wandern überrascht uns die Hochlandmonotonie. Kilometerweit sind nur Felder und Hügel zu sehen. In größeren Entfernungen schmiegen sich manchmal Lehmdörfer an die Hügel. Es gibt hauptsächlich nur braune und grüne Farbtöne. Nur wenn die Wolken aufreißen, gesellt sich etwas blau dazu. Die Monotonie hat einen surrealen Reiz für mich. Ich fühle mich happy, dann wieder etwas traurig. An was es liegt, kann ich nicht sagen. Es ist einfach so. Teilweise laufen wir auf über 2000 Meter Höhe. Meist weht uns ein kräftiger Wind ins Gesicht.

Monotone Hügellandschaft
Monotone Hügellandschaft

Übernachten tun wir an der Strecke wie immer im Zelt oder in Billigunterkünften. Außerhalb der größeren Städte ist die Verständigung recht schwierig. Da Gi das arabische Alphabet beherrscht, kann sie zumindest bestimmte Wörter und Hinweise lesen. Zugute kommt uns auch, dass ein Teil der Farsiwörter (Farsi ist die Hauptsprache im Iran) aus dem Arabischen stammen. So finden wir für alle sprachlichen Probleme, oftmals mit viel Geduld, auch immer irgendwie eine Lösung. Meist geht es dabei auch sehr lustig zu. Als wir zum Beispiel nach 5 Tagen an der Stadtgrenze von Hamadan, mit immerhin über 500.000 stolzen Einwohner, ankommen, fragen wir einen jungen Mann nach einem bestimmten Platz in der Stadt.  

Alle verstehen wir nur Bahnhof
Alle verstehen wir nur Bahnhof

Ich frage auf Englisch. Er antwortet auf Farsi. Gi fragt zusätzlich auf Arabisch. Alle drei verstehen wir jedoch nur Bahnhof. Dann fällt mir ein, dass sich bei diesem Platz der Stadtbasar befindet. Also erneuter Versuch. Nach ca. zehn Minuten zeigt der junge Mann in eine bestimmte Richtung. Zusätzlich zeigt er auf seinen fahrbaren Untersatz. Dies soll erstens bedeuten, dies müsste die Richtung sein, und zweitens, wir können ihm natürlich auch folgen. Ich verdrehe bei dem Gedanken an eine Verfolgungstour durch Hamadan die Augen, denn sein Fahrzeug sieht irgendwie komisch aus. Zudem sorgt ja auch unser Toyota-Wägelchen ständig für komische Aufregung. Ich denke, zwei komische Aufreger zusammen, dies geht nicht gut. Der junge Mann scheint meine Gedanken zu erraten, denn Lachsalven brechen plötzlich aus uns heraus.  

Prima Karre
Prima Karre

Jedenfalls hat die Richtung gestimmt, denn nur eine Stunde später beziehen wir für 2 Nächte ein Zimmer in einer Billigunterkunft, genau an dem gewünschten Platz. Gegenüber befindet sich, somit wie erhofft, der Basar. Also, alles in Ordnung. Hat wieder irgendwie geklappt!

Abendsonnebestrahlte Billigunterkunft
Abendsonnebestrahlte Billigunterkunft

Diese Billigunterkünfte sind in der Regel für Ausländer nur sehr schwer auszumachen, denn da steht nichts von Hotel, in für Ausländer lesbarer Werbung. Die sind nur an ihren arabischen Schriftzügen als Mosaferkhaneh zu enttarnen. Wenn wir nicht im Zelt schlafen, schauen wir meist nach diesen Mosaferkhanehs, denn die sind relativ preiswert. So zwischen 3 bis 10 Euro fürs Doppelzimmer. Doch Vorsicht ist da auch geboten, denn von wirklich prima Zimmer bis zur Höllenabsteige ist da alles drin. Also, vor dem bezahlen, immer das Zimmer begutachten. Im Hamadaner Mosaferkhaneh haben wir sogar 4 Betten im Zimmer - eines davon bekommt natürlich Toyota. Ein altersschwacher Balkon und ein Waschbecken runden den Luxus ab. Es gibt ein Gemeinschaftsbad. Die Dusche muss allerdings extra bezahlt werden. Zum Glück haben wir ja unseren Super-Tauchi dabei (Tauchsieder ist gemeint). Auch können wir, sofern wir es denn wollen, in einer kleinen Küchenecke selbst was köcheln.

Für uns ist immer wichtig, dass es sauber ist. Ist es sauber, manchmal reicht auch relativ sauber, erst dann geben wir unsere so wertvollen Pässe ab und bezahlen. In der Regel, sofern man denn länger bleibt, wird täglich bezahlt. Egal ob prima Zimmer oder Höllenabsteige, in allen ist eines gleich, dort spricht spricht nie ein Beschäftigter irgendeine Fremdsprache. Was sie aber alle beherrschen ist garantiert ein einziges Wort, und dies ist das Wort Pass, denn egal wo man im Iran absteigt, der Pass muss immer sofort abgegeben werden und wird erst beim Verlassen der Unterkunft wieder herausgerückt.

Wir selbst haben es noch nicht erlebt, doch im ganzen Land werden durch die Sittenpolizei (Pasdaran) , speziell in der Nacht Unterkünfte und somit auch vorher die einbehaltenen Pässe bzw. Ausweise kontrolliert. Passablichtungen müssen von den Absteige – oder Hotelbesitzern immer zur örtlichen Polizeistation gebracht werden. Dabei geht es in der Regel darum, ob iranisches Männlein und Weiblein verheiratet sind. Zudem will natürlich der iranische Horch- und Guck, auch zusätzlich noch wissen, wo sich denn gerade so die Ausländer befinden.  

4 Bettzimmer - rechts oben im Bild, unser Tauchi
4 Bettzimmer - rechts oben im Bild, unser Tauchi

Hamadan ist nicht Isfahan. Trotzdem gefällt uns die Stadt ausgesprochen gut. Neben unseren Putz- Flick- Wasch – Koch und Duschstunden, besuchen wir den Basar, einige Moscheen und Parkanlagen. 

Handwerker
Handwerker

Besonders gerne beobachte ich die Handwerker. Jedes mal, wenn ich einen davon ablichten möchte, nehme ich Kontakt auf, frage ob ich auch darf. In der Regel sind die Models einverstanden. Da ich gestellte Fotos nicht unbedingt mag, warte ich dann immer eine Zeit. Meist hat mein Model dann schon vergessen, dass ich noch da bin. Dies ist für mich immer der richtige Zeitpunkt, um den Auslöser zu bedienen.  

Wahre Meister sind sie
Wahre Meister sind sie

Manchmal, doch dazu gehört natürlich auch Glück, scheint die Sonne durch ein oftmals schon brüchiges, bunt verglastes Basardach, zaubert dabei herrliche Farben für wenige Minuten am Boden oder an den Wänden. Ich muss dann einfach abdrücken.  

Farbenspiel
Farbenspiel

Gi liebt besonders die Gewürzgassen. Es riecht dort aus jeder Ecke, aus jedem Korb, aus jedem Blechkübel irgendwie anders. Zwischen den Gerüchen schallen dabei die Worte, Sätze und Zahlen von den Kaufwill-igen und von den Verkäufern durch die Gasse.

Basar
Gewürzgasse
Tut gut
Tut gut



Die Tage in den iranischen Basaren sind für uns immer schön, aber auch anstrengend. Viele Kilometer erlaufen wir in solchen Marktstunden.


Da hilft oft nur ein Tee oder ein Glas Wasser zum Kräfteaufbau.  

Wir sehen in Hamadan keine ausländischen Reisegruppen-Touristen. Wenn sie denn da sind, übernachten sie in einem der teuren Hotels, um das Ibna Sina-Museum (berühmter persischer Arzt) zu bestaunen und um auch die weltgrößte Wasserhöhle, im ca. 60 Kilometer entfernten Ali Sadr, zu besuchen.

Auch wir laufen nach Ali Sadr, denn die Weltgrößte Wasserhöhle liegt sozusagen auf unserem Weg Richtung Nordwest und da sollte man sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Als wir ankommen, regnet es leicht. Es gibt einen Platz für Zelte, doch so nebenbei flüstert uns ein Iraner sonderbares in die Ohren. Wohnung, Wohnung, Wohnung flüstert er echt leise. Ich flüstere leise zurück, was kostet denn die Wohnung? Er flüstert mir den Preis ins Ohr. Ich staune. Ist ziemlich niedrig, denke ich. Zur Sicherheit flüstere ich nochmals zurück. Er zeigt mir den passenden Geldschein dazu. Ich zeige einen anderen Geldschein, welcher bedeutet, um diesen Betrag möchte er doch bitte kürzen. Er nickt, zeigt geheimnisvoll in die Wohnungsrichtung. Wir folgen unauffällig, was mit unserem Wägelchen kaum möglich ist, doch zumindest tun wir so.

Die Wohnung entpuppt sich als eine ca. 60 Quadratmeter wirkliche Wohnung zum Mietpreis einer Haneh-Billigunterkunft. Da der Flüsterer illegal vermietet, sozusagen an den Mullah-Kassen vorbei, sind auch unsere sonst so beliebten Pässe nicht nötig. Auch im Iran geschehen noch Wunder, spukt es mir durch den Kopf. Wir zwei Mullah-Steuergeldhinterzieher verstehen uns auf Anhieb. Da mein Freund auf Zeit auch eine Kneipe besitzt, essen wir sogleich ordentlich Reis und Hühnerkebab. Danach tut uns eine Wasserpfeife gut.

Für das Essen und die Wasserpfeife gibt es eine Rechnung. Dies überrascht mich wiederum, denn diese Rechnung ist sozusagen die wirklich erste iranische Quittung die mir überreicht wird. Mein Freund auf Zeit ist doch ein guter Kerl und nur halber Steuerhinterzieher.

Wirklich versteuerte Wasserpfeife
Wirklich versteuerte Wasserpfeife
Höhle Sadr
Sie ist wirklich Spitze

Natürlich stapfen wir auch zur Höhle. Sie ist wirklich der Höhlenhammer, denn sie hat einen Höhlen-Hammerpreis. 50 US – Dollar sollen wir zusammen bezahlen. Mir bleibt die Spucke weg. Da niemand im Kassen-häuschen Englisch spricht, wird Gi auf Arabisch vermittelt, dies ist der Preis für Ausländer. Irgendwie müssen wir wohl sehr doof schauen, denn Gi bekommt sehr schnell ein zweites Angebot unter-breitet. Da ihr ja aus Arabien seid, können wir ein Ticket für zwei Menschen stempeln, flüstert zwinkernd der Ober-Chefkartenverkäufer. Also nur 25 Dollar. Ist das die Flüsterstadt, frage ich Gi. Wir beraten uns kurz.

Menge Geld für eine Höhle, und eigentlich sind wir ja keine Höhlenfans, flüstere ich Gi zu. Hast ja recht, doch wir bekommen den halben Preis, und die Höhle soll wirklich sehr, sehr, schön sein, flüstert Gi zurück.

Ich löhne das Arabische Ticket. Und was soll ich nun schreiben?

Die Höhle ist wirklich echt der Hammer. So eine Höhle haben wir noch nie erlebt. 2 Stunden verbringen wir unter der Erde. Mit einem Tretboot werden wir über den Höhlensee und durch viele Höhlenkanäle pedalt. Die Führung erfolgt auf richtig Deutsch, denn wir schließen uns einer deutschen Reisegruppe an und der iranische Reiseleiter spricht perfekt unsere Muttersprache. So erfahren wir alles über die echt schöne Höhle. Wir sind wirklich begeistert.

Als wir die Wunderwelt verlassen, sagt mir Gi, ich schäme mich wegen unserem Sonderticket. 

2 Tage später, wir sind da bereits in der iranischen Provinz Kurdistan, in einem schmucklosen Städtchen Namens Bijar, möchte ich beim verlassen des fast sauberen Haneh, unsere Pässe zurück. Der Nachtwächter findet in seiner 2 Quadratmeterbude jedoch unsere Pässe nicht. Mir stockt der Atem. Die werden doch nicht geklaut sein?

Der alte Mann, er ist als Kurde unschwer erkennbar, telefoniert. Kurz danach führt er mich an die Tür, zeigt in eine Richtung und spricht die Wörter Pass und Polizei. Dies soll bedeuten, ich soll zur Polizei. Da wir uns nicht verständigen können, tippe ich auf seine Brust und zeige selbst in die Richtung. Dies bedeutet, er soll selbst gehen. Zum Glück versteht er die Zeichensprache, denn kaum getippt, läuft er hurtig weg. Trotz der komischen Situation, gefällt mir unser Nachtwächter gut, denn sein Gesicht ist voller kurdischer Lebenslinien und seine echt kurdische Kopfbedeckung passt wie angeboren. Zudem denke ich auch, der arme Tropf kann ja garantiert nichts dazu.

Kurde
Kurdische Lebenslinien

Ich selbst habe keine Lust auf Polizei, denn dies könnte ja bedeuten, ich muss irre oder gar hinterlistige Fragen beantworten. So lange unser Wachmann unterwegs ist, schießen mir aber wahnsinnige Gedanken durch den Kopf. Sind die Pässe nun wirklich dort? Was wollen die eine ganze Nacht mit unseren Pässen? Sollte ich zur Polizei, weil die Pässe doch geklaut sind? Was tun wir dann?

Nach gut 30 quälenden Minuten, winkt mir der Mann schon aus der Ferne mit den Pässen zu. Zuerst gibt er mir aber einen Zettel. Da stehen Fragen drauf. Woher, wohin, mit was unterwegs, mit wem unterwegs, Namen, Geburtstage, bereiste Länder, Name meines Vaters (die Frage verstehe ich wohl nie), Reiseveranstalter usw.

Ich fülle die Liste aus. Bei Reiseveranstalter schreibe ich: Toyota-Travel. Der sympathische Kurde kann es eh nicht lesen. Und was die Schnüffler denken werden, ist mir total egal.

Als wir sehr glücklich die Stadt mit unseren Pässen am Körper, Richtung Nordwest verlassen, laufen wir an einem großen abgesicherten Gebäude vorbei. Ich frage den bewaffneten Soldaten, ob ich das blöde aber irgendwie doch geile Propagandaplakat mit den Mullahs fotografieren darf. Er schüttelt mit dem Kopf. Gi sagt später, ich glaube, da waren unsere Pässe letzte Nacht, denn am Gebäude stand irgendwas mit Meldeamt oder so. Zusätzlich hat sie auch beobachtet, als ich mit dem Wachsoldaten redete, dass sich die Vorhänge öffneten und man uns irgendwie genau musterte.

Was ich mich immer frage, was machen sie mit all den Daten? Den Mullahs müsste doch die Überwachung ihrer eigenen Leute reichen, denn bei ca. 80 Millionen gibt es viel zu tun.

Ganz besonders interessiert mich aber eigentlich, wissen sie vielleicht sogar, wann wir im Zelt schlafen oder machen sie dann einen Vermerk mit folgendem Kommentar: Die 2 verrückten Schiebe-Deutschen müssen wieder die Nacht durchgelatscht sein! Wir bleiben aber dran! Hoffentlich gehen die bald wieder in ein Haneh!

Ab diesem Tag werde ich das Gefühl nicht los, dass uns ständig irgendein Schatten folgt.

Leuchttürme der Macht
Leuchttürme der Macht

Ab Bonab, die Provinz Kurdistan liegt da schon hinter uns, senkt sich die Straße zum größten Salzsee vom Iran. Im Dunstkreis des See liegt ein Atomkraftwerk. Da die Technik im Iran, aus unterschiedlichsten Gründen, nicht unbedingt vertrauenswürdig erscheint, beende ich nun schnell den 3. Teil um uns gemein-sam eine eventuelle Strahlenbelastung zu ersparen.

Hoffentlich dann ohne Strahlenbelastung, melde ich mich bald zum 4. Iranbericht zurück.

 

LG, Wi + Gi + Toyota           Stand: 3. Maiwoche 2015

 

Wanderkilometer bis Atomkraftwerk:       ca.  130 km

Gesamtwanderkilometer bisher:             ca. 3845 km

Buch - Abgelatscht

Abgelatscht - 5740 Wanderkilometer durch 11 Länder - Wi + Gi Hofmann
Abgelatscht - 5740 Wanderkilometer durch 11 Länder - Wi + Gi Hofmann

Buch - Grenzenlos

Grenzenlos  -  Mit dem Fahrrad 4 Jahre um die Welt - Wi + Gi Hofmann
Grenzenlos - Mit dem Fahrrad 4 Jahre um die Welt - Wi + Gi Hofmann
Mit Wägelchen 11 Länder - 5.740 km
Mit Wägelchen 11 Länder - 5.740 km
Oman Fischer
Oman Fischer
Oman/Jemen Leeres Viertel
Oman/Jemen Leeres Viertel
Tempelbaumblüten
Tempelbaumblüten
Afrika - Strahlende Kinderaugen
Afrika - Strahlende Kinderaugen
Indien Taj Mahal
Indien Taj Mahal
Iran
Iran
Mit der Enfield durch Indien
Mit der Enfield durch Indien
Mein Steg, mein Strand, mein Meer
Mein Steg, mein Strand, mein Meer
Kurdische Lebenslinien - Iran
Kurdische Lebenslinien - Iran
Mondsichelstürmer
Mondsichelstürmer
Spiegelung
Spiegelung
Die Sonnenfängerin
Die Sonnenfängerin
Wanderung Neuseeland
Wanderung Neuseeland
Beim Straßenzahnarzt in Indien
Beim Straßenzahnarzt in Indien
Kappadokien
Kappadokien
"Leeres Viertel"
"Leeres Viertel"
Hahn im Korb - Oman
Hahn im Korb - Oman
Neuseeland
Neuseeland
Australien
Australien
Indien
Indien
Bayrischer Wald
Bayrischer Wald
Weg in den Nebel
Weg in den Nebel