Armenien Teil 2

Gefühlswelten

Das Armenien etwas anders ist wie der Iran, haben wir ja recht schnell mitbekommen. Trotzdem ist mir das Land nicht unsympathisch, denn zu meinem anfänglichen Darmproblemen, zum schlechten Wetter und zu den steilen Anstiegen kann ja das Land selbst nichts. Alles weitere ist dann natürlich Auslegungssache. Da bemühe ich mich aber immer, sollte doch einiges auf dem ersten Blick unsympathisch erscheinen, die Gründe fürs unsympathische auf meine Art zu ergründen. Ich suche dann nach plausiblen Erklärungen, manchmal gar nach Entschuldigungen, sozusagen nach Entschuldigungen im Namen des gerade bereisten Landes.

Seidenstraße
Armeniens Seidenstraße

 

Durch einen Hinweis wird uns schnell bewusst, dass wir uns nach längerer Zeit erneut auf einem Abschnitt der legendären Seidenstraße befinden. Und genau entlang dieser armenischen Seidenstraße, mit Richtung zur Hauptstadt Jerewan, wechseln meine Gefühle sehr oft. 

Herrlich Wiesenpicknick
Herrlich Wiesenpicknick

Die Landschaft ist, sofern die Sonne scheint, sehr schön. Leider scheint die Sonne während unserer Armenienzeit nur sehr selten. Wir nutzen diese wenigen Sonnenstunden für Wiesenpicknicks. Oft sind dabei in der Ferne noch Schneefelder auf den Bergen erkennbar. Es sind Stunden der Entspannung, der Ruhe und Kalorienzufuhr.

Keine Bilderbuchdörfer am Wegesrand
Keine Bilderbuchdörfer am Wegesrand

In den Bergsenken entlang der Schneeberge liegen in wanderfreudigen Abstän-den Dörfer. Dort können wir unsere Vorräte auffüllen. Die Dörfer selbst sind nicht unbedingt fürs Auge schön. Vieles wirkt da oft nur grau in grau. Neben grau ist viel rostig angesagt. Es fehlen einfach weitere Farben. Keine Dorfstraße hat je Asphalt gesehen. Die Häuser sind sehr einfach gebaut. Meist befindet sich im Untergeschoss der Viehstall. Dies ist zweckmäßig, da die Tierwärme ja nach oben steigt, und somit die Wohnräume erwärmt. Die Dächer sind in der Regel mit Wellblech gedeckt. Es gibt aber auch Dachabdeckungen aus Asbest. Die Menschen in den Dörfern sind zumeist Selbstversorger. Vieh wird gehalten, an der Straße Obst und Gemüse verkauft, und, sofern man ein größeres Stück Land seinen Eigen nennen darf, Getreide angebaut. Alles wirkt sehr armselig auf uns. Am Ortsrand dieser Dörfer befinden sind meist größere Gebäude. In der Regel sind diese in einem fürchterlichem Zustand. Es müssen die ehemaligen Kolchosen sein. Glücklich dürfen sich die Dörfer schätzen, welche nicht über einen oder mehrere der grausigen Wohnblöcke verfügen oder gar über irgend eine alte stillgelegte Fabrik. Dann kommt wirklich Endzeitstimmung auf. Endzeitstimmung klingt sehr gemein. Doch ist es leider oft so. Warum ist es so? Es sind die Probleme der Vergangenheit, auch die Probleme der Gegenwart, vermute ich. Über Generationen war das Land in den Klauen des russischen Bären. Armseliger Sozialismus hat die Dörfer und Menschen geformt. Knallharter Kapitalismus muss nun verkraftet werden.  

Wie in den anderen Ländern auch, grüßen wir auch in Armenien jeden der uns über den Weg läuft. Kaum einer erwidert den Gruß. Viele blicken nur kurz auf. Das war es. Sind sie nun unhöflich? Ich glaube nicht. Sie sind einfach nur überrascht uns so plötzlich hier zu sehen. Touristen sind Mangelware. Mit Ausländern Gespräche führen ist den meisten fremd. Dann noch unser komischer Schiebewagen. Sie können uns auch schlecht einordnen, vermute ich.

Am Rande solch eines unschönen Dorfes sehe ich einen Mann seine Kühe auf die Weide treiben. Ich merke sofort, er ist anders, er will Kontakt. Er kommt auf mich zu. Seine Augen leuchten. Er redet auf mich ein. Ich kann nichts verstehen. Nemetski (Deutsch), sage ich nach einer Zeit. Da leuchten seine Augen plötzlich noch mehr. Er gibt mir die Hand. Ich merke einen angenehm warmen Druck. Er redet und redet. In den Redepausen schauen wir uns einfach nur an und lächeln. Wir verstehen nichts und doch macht es uns Freude. Zum Abschied drücken wir uns wie zwei alte Freunde. Küsse auf die Wangen finden ihr Ziel.

Noch lange beschäftigt mich die überraschend nette Begegnung. Was wollte er mir sagen? War er vielleicht in Ostdeutschland als Soldat stationiert? Kennt er Deutsche? Liebt er einfach nur Deutschland? Ich werde es nie erfahren. Ist letztendlich ja auch egal. Wichtig ist, die Begegnung hat mir die fehlenden Farben gebracht.

Was wollte er mir sagen?
Was wollte er mir sagen?
Reiter in der Mittagssonne
Reiter in der Mittagssonne

Kleinere Farbtupfer gibt es immer wieder. Sie tun gut. Ob es nun die Landschaft ist, die Blumen auf den vielen Bergwiesen oder ein Reiter in der angenehmen Mittagssonne. Wenn das Auge sucht, so findet es auch. So wechselt täglich grau mit bunt.

Irgendwann hat sich auch das Auge an den täglichen Müll gewöhnt. Am schlimmsten ist der Müll auf den wenigen Rastplätzen, entlang der Straßen und an den Ufern der Bäche und Flüsse. Vieles im Leben ist Gewohnheit. Sehe ich täglich Müll, so empfinde ich es irgendwann als normal, so dachte ich zumindest bisher. An einem Tag wird mir jedoch bewusst, Müll ist nicht gleich Müll, denn an diesem Tag laufen wir durch eine Schlucht. Die Landschaft ist sehr schön, schön bis zum Anblick der Müllhalde genau unter einer Bahnbrücke. Es muss die Müllhalde der letzten Kleinstadt sein. Das schlimme ist, durch die Schlucht kämpft sich ein Fluss. Er nimmt mit was keiner mehr braucht. So zieht der Müll von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Seine Reise wird im Schwarzen oder Kaspischen Meer enden.  

Einfach nur viel Müll für die Flüsse
Einfach nur viel Müll für die Flüsse

Auch wenn die meisten Armenier sehr arm sind, so hat doch die kleine westliche Konsumwelt schon lange ihren Sieg errungen. Auch im letzten Dorfladen haben Nutella, Coca Cola, auch viele Produkte von Nestle, und die von mir so gehassten Wegwerfwindeln, ihren Platz gefunden. Verpackt wird natürlich, auch wenn es sich nur um einen Artikel handelt, in Plastiktüten. Viele Verpackungen und Plastiktüten werden ihren endgültigen Müll-Sterbeplatz in einem der Meere finden.

Seinen Sterbeplatz findet ein Koch nur Stunden später fast neben seinem Arbeitsplatz. Wir machen da gerade Rast in einem Restaurant. Ich bestelle 2 Hühnchenspieße, Salat, Reis und Brot. Der Chef vom Restaurant kümmert sich intensiv um 3 Herren am Nebentisch. Deren Essen und die Getränke verbiegen fast die Tafel. Bei jeder neuen Leckerei, welche der Chef den Herren serviert, gehen seine Mundwinkel wie auf Befehl bis zu den Ohren. Die Herren quittieren mit süßsaurem lächeln. Irgendwie wirkt die Szenerie wie ein schlechter Mafiafilm auf mich.

Wir warten auf unsere Spieße. Da die Herren wichtiger sind, warten wir weiter geduldig. Plötzlich höre ich laute Worte am Grill. Da ich manchmal neugierig bin, begebe ich mich Richtung Grill. Der Chef brüllt den Koch an. Der Koch brüllt zurück. Dann geht alles blitzschnell. Der Chef zerrt einen Spieß vom Grill. Dies ist das Zeichen für den Koch zu flüchten. Er rennt über die Straße. Der Chef rennt hinterher. Dann fliegt der Spieß (ist echt ein großer, langer Spieß) wie ein Speer in sein Ziel. Es ist der Rücken vom Flüchtling. Der Flüchtling strauchelt kurz. Doch er rennt weiter. Der Spieß liegt auf der Straße. Was ich dabei denke? Wird doch nicht einer unserer Spieße sein?

Wenig später bringt der Chef unsere Spieße. Seine Mundwinkel berühren sich dabei fast in der Schädelmitte. Auch wenn mir der Chef absolut unsympathisch ist, die Spieße sind echt lecker.

Armenien kann hart sein. Doch Armenien kann auch anders.

Einfach nur köstlich
Einfach nur köstlich

Wetterbedingt übernachten wir oft in Pensionen und kleinen Hotels. Zum Glück reihen die sich entlang unserer Wanderstrecke. Die Preise sind moderat. Und anders als die unfreundliche Dame bei der ersten Übernachtung, geben sich alle folgenden unheimlich viel Mühe. Wir sind meist die einzigen Gäste. So erfahre ich auch oft von ihren Nöten. Zu wenig Gäste, zu wenig Touristen, zu wenig Reklame durch den Staat fürs doch so schöne Armenien. Wenn ich erwähne, dass der Müll für den Tourismus ein Problem sei, wird mir erwidert, ja der Staat ist daran Schuld.

Oft bieten die Besitzer auch Essen an. Und es ist wirklich kein Fehler dies anzunehmen, denn da wird meist sehr gut gekocht, sehr gut auch ein Frühstück bereitet.

Bei einer dieser Pensiondamen gab es Fisch aus eigener Zucht. Ich kann gar nicht beschreiben, wie köstlich der war. Nur im Jemen habe ich bisher gleichwertig gut zubereiteten Fisch genossen.

Katzen lieben auch Fisch
Katzen lieben auch Fisch

Natürlich haben wir die Dame mit Komplimenten zugeballert. Es war auch einfach nötig. Da ihr Vater aus Deutschland stammt, spricht sie auch einige Wörter Deutsch. Somit steht nach dem Fischessen eine Pensionsbesichtigung an. Zum Schluss der Besichtigung dürfen wir auch ins sehr geräumige Wohnzimmer der Pensionsfamilie. Da gibt es eine große Ecke für die erlegten Trophäen vom Chef des Hauses. Alles wirkt wie im Museum. Wir wollen es nicht glauben, denn hier versammelt sich alles was Armeniens Wälder so zu bieten haben. Nur leider alles Tod.

Ihr Mann ist Hobbyjäger, erzählt sie stolz. Zu jedem Bären gibt es eine kleine Erleg- Erfolgsgeschichte. Ort, Datum, Uhrzeit. Danach war es aus mit der Bärenfröhlichkeit.

Absolute Scheiße, denke ich, das darf es doch nicht geben!

Gruselkabinett
Gruselkabinett
Rennsoldaten
Rennsoldaten

Gibt es aber! Lange reden wir darüber. Wir versuchen zu verstehen. Warum ist hier so einiges anders? Nur einen Tag später kommt uns ein Trupp rennender Soldaten entgegen. Soldaten sehen wir fast täglich. Da Armenien noch immer Grenzstreitigkeiten mit Aserbaidschan hat, wimmelt es förmlich in manchen Ecken des Landes von Soldaten. Also sind auch die Rennsoldaten für uns nichts besonderes. Doch plötzlich ändert sich da was, denn am Ende des Trupps schreit einer der Ranghöheren auf die letzten des Trupps ein. Er schreit nicht nur, er tritt immer dem letzten auch richtig kräftig in den, ich schreib es einfach so, den Arsch, denn es sind wirklich knallharte Arschtritte welche da er verteilt. Mir tut das in der Seele weh.

Auch darüber reden wir lange. Die getöteten Tiere und die Arschtritte bekommen letztendlich ein gemeinsames Gesicht. Der vermeintlich Stärkere quält den vermeintlich Schwächeren, bis hin zum Tod.

 

Ca. 80 km vor der Hauptstadt Jerewan, werden wir aufgefordert, in ein Auto zu steigen. Wir nehmen dankend an, denn der gute Geist erklärt uns, die Straße folgt in wenigen Kilometern direkt der Grenze zu Aserbaidschan. Da wurde zwar ein Schutzwall errichtet, doch noch immer ballern da Scharfschützen von den hohen Bergen auf der anderen Seite herüber, so behauptet zumindest der gute Geist. Ob es stimmt, wissen wir natürlich nicht. Den Schutzwall gibt es tatsächlich. Wir sind uns aber einig, in einer Region wo Bären aus Lust am Töten erlegt werden und Soldaten wie Untermenschen behandelt werden, könnte dies durchaus wahr sein.

Hostel gibt es auch in den Wäscheblocks
Hostel gibt es auch in den Wäscheblocks


In Jerewan sind wir Gast in einem der vielen Hostel. Das Hostel befindet sich im Kellergeschoss eines dieser unschönen Wohnblocks. Da uns der Schlafsaal, er hat keine Fenster zur Außenwelt, nicht unbedingt zusagt, bietet uns das Hostelfräulein eine Wohnung im 3.Stock an. Da der Mietpreis verlockend ist, denke ich, anschauen kostet ja nichts.  

Nur 15 Minuten später wuchten wir Toyota in den 3. Stock. Wir haben ein kleines Paradies in Jerewan gefunden. So kann man sich täuschen. Armenien ist halt für viele Überraschungen gut. Balkon, Schlafzimmer aus Großmutters Zeiten, supermodernes Badezimmer mit Waschmaschine, Küche mit allen Gerätschaften, Wohnzimmer mit Lederohrensesseln, und Gi kann es kaum glauben, es gibt da nämlich sogar eine richtige armenische Wäscheleine vom Küchenfenster zum Wohnzimmerfenster. Gi liebt diese Wäscheleinen. So kann auch sie, endlich für alle da unten in der Straße sichtbar, unsere Wäsche über ein raffiniertes Rollensystem anknipsen und später stolz abknipsen.

Ob die Hauptstadt auch ein kleines Paradies ist, erzähle ich aber erst im nächsten Teil. Bis dahin liebe Grüße,

 

von Wi + Gi + Toyota                                                 Stand: Mitte Juni 2015

 

Wanderkilometer bis Jerewan:            ca.  210 km

Gesamtwanderkilometer bisher:         ca. 4205 km

Buch - Abgelatscht

Abgelatscht - 5740 Wanderkilometer durch 11 Länder - Wi + Gi Hofmann
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Buch - Grenzenlos

Grenzenlos  -  Mit dem Fahrrad 4 Jahre um die Welt - Wi + Gi Hofmann
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Mit Wägelchen 11 Länder - 5.740 km
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Oman Fischer
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Oman/Jemen Leeres Viertel
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Tempelbaumblüten
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Afrika - Strahlende Kinderaugen
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Indien Taj Mahal
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Iran
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Mit der Enfield durch Indien
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Mein Steg, mein Strand, mein Meer
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Kurdische Lebenslinien - Iran
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Mondsichelstürmer
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Spiegelung
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Die Sonnenfängerin
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Wanderung Neuseeland
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Beim Straßenzahnarzt in Indien
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Kappadokien
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"Leeres Viertel"
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Hahn im Korb - Oman
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Neuseeland
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Australien
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Indien
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