Türkei zurück Teil 2

Seid ihr Flüchtlinge?

Toyota rollt plötzlich unrund
Toyota rollt plötzlich unrund

Wir sind erst 2 Tage von der Küste weg, als ich plötzlich merke, Toyota rollt irgendwie unrund. Ich schaue nach. Erschrocken stelle ich fest, eines der Lager ist ausgebrochen. Das defekte Lager hat nur noch 2 Kügelchen und natürlich fehlt die so wichtige Abdeckung. Zum Glück ist in Toyotas Bauch immer noch das Ersatzrad, welches ich vor über einem Jahr in München vorsorglich mitgenommen habe. Oft hat es irgendwie gestört, denn jeder Zentimeter Platz ist ja in so einem Schiebewagen-Bäuchlein wichtig. Jetzt bin ich natürlich froh. Das Ersatzrad ist schnell ausgewechselt. Beim Auswechseln kommen mir üble Gedanken. Beide Lager haben über 5000 Kilometer durchgehalten. Nun ist meine Sorge, dass das andere Lager eventuell in den nächsten Tagen, nächsten Stunden, vielleicht nur Minuten, auch den Geist aufgibt. Ein weiteres Ersatzrad, Ersatzlager haben wir nicht dabei. Zurück an die Küste, in die letzte größere Stadt, um eventuell Ersatz aufzutreiben, möchte ich nun wirklich nicht. Dafür sind wir schon zu weit oben, zu weit oben in den Bergen. Einige 100 Wanderkilometer trennen uns noch von Göreme. Wir setzen alles auf eine Karte, denn ein Lager im Hochland aufzutreiben wird schwierig werden. Wir erhoffen einfach, die Lager werden noch bis Göreme aushalten. Wohl ist uns nicht dabei! 

Seit wir erneut auf türkischen Wanderboden unterwegs sind, werden wir täglich gefragt, seid ihr Flüchtlinge? Kommt ihr aus Syrien? Ist im Wagen ein Kind? Kann ich, können wir helfen? Braucht ihr etwas?

Wir wundern uns über diese Fragen aus unterschiedlichsten Gründen. Natürlich fragen wir uns selbst, sehen wir denn wirklich wie 2 Flüchtlinge aus? Wenn ja, wieso dann immer die Frage ob wir Syrier sind? Warum vermutet man meist ein Baby oder ein kleines Kind in Toyotas Bauch? Und warum spricht uns täglich eine oder auch mehrere Personen (es ist wirklich so) diesbezüglich an? Und warum machen wir absolut keine negativen Erfahrungen?

 

Als wir uns Tage später, das Bild mit Gi, Wägelchen schiebend im Nebel auf über 1000 Meter Höhe, betrachten, wird uns klar, irgendwie sieht es schon wie ein Flüchtlingsbild aus.  

Flüchtlings-Gi?
Flüchtlings-Gi?

Das relativ schlechte Wetter, welches uns einige Tage bergauf begleitete, passt natürlich zum Flüchtlings-Erscheiningsbild wie die Faust aufs Auge. Doch auch an der Küste bei Sonnenschein, wurden uns die Fragen gestellt. Die Kleidung passt irgendwie. Gi trägt gerne lange Röcke, trägt auch oft Kopftuch aus unterschiedlichsten Gründen und sieht somit natürlich nicht unbedingt wie Tanzmariechen aus. Auch bei mir vermutet man sicherlich nicht den verirrten Pauschaltourist von der türkischen Mittelmeerküste.

Wir sind sehr weit von der syrischen Grenze entfernt. Und doch sehen auch wir die syrische Flüchtlinge so weit weg von ihrer ehemaligen Heimat. Uns wird da oft bewusst, wir gehen äußerlich fast voll als Flüchtlinge durch.

Es gibt unterschiedliche Schätzungen über die Anzahl syrischer Flüchtlinge in der Türkei. Sie reichen von einer halben Million bis über 2 Millionen. Uns ist auch bekannt, dass es nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen diesbezüglich in der Türkei gibt. Auch in diesem Land gibt es, wie in fast allen Ländern weltweit, Ausländerfeindlichkeit. Die Gründe sind auch hier die weltweit bekannten. Angst um den eigenen Arbeitsplatz, Überfremdung und natürlich die Vermutung, die Flüchtlinge bekommen viel Geld vom Staat. Auch gibt es die Angst wegen vermehrten Terrorismus.

Wir selbst erleben jedoch keine negativen Reaktionen. Ganz im Gegenteil. Alle Türken sind sehr nett zu uns. Wir sind täglich überrascht über so viel Gastfreundschaft, so viel Fürsorge.

Erstaunt sind unsere Gesprächspartner immer, wenn wir erklären, wir sind aus Deutschland. Und wir machen dies freiwillig. Natürlich sagen wir auch immer sofort, dass kein Baby im Wagen liegt. Wir können es den Leuten nicht verübeln, wenn sie dies so denken. Toyota ist ja eigentlich auch die ideale Kinderkutsche. 

Das wir keine negativen Erfahrungen machen, liegt sicherlich auch daran, dass wir doch irgendwie auch aus dem Flüchtlingsrahmen fallen, denn welcher Flüchtling hat schon so ein Wägelchen?

Manchmal denke ich darüber nach, was wäre, wenn wir nun doch aus Syrien wären? Die Gedanken dazu sind schwierig, denn wenn man selbst nie ein richtiger Flüchtling war, nie einen Krieg im eigenen Land erlebt hat, nie entscheiden musste, ja, jetzt flüchten wir, kann man sich auch nicht in die wirkliche Gedankenwelt von Flüchtlingen versetzen. Die Sache erscheint mir viel zu Komplex.

Was wir aber teilweise nachempfinden können, ist das Leben an und auf der Straße selbst, ist die Suche nach einem idealen Nachtlagerplatz, ist die Hoffnung auf regenfreie Tage und Nächte und ist der Wunsch, nur freundlichen Türken zu begegnen.

Da wir von den Türken viele nützliche Dinge wie Wasser, Brot, Obst oder Gemüse geschenkt bekommen, geben wir diese oft an wirkliche Flüchtlinge weiter, bezahlen auch manches Essen für die wirklich Bedürftigen.

Wir selbst, sind aus unserer eigenen Sicht, natürlich keine Flüchtlinge. Und wenn wir es wären, dann wären wir ja eigentlich absolute Luxusflüchtlinge. Wir wären somit aus Deutschland als Luxusflüchtlinge gestartet. Dies nicht, weil in Deutschland Krieg herrscht, nein, wir wollen ja nur sehr eigennützig, selbstsüchtig oder nenne ich es egozentrisch, in der Welt unterwegs sein. Uns unterscheidet von den wirklichen Flüchtlingen absolut viel.

Wenn wir in einem Restaurant essen möchten, wenn wir in einem Hotel übernachten wollen, wenn wir 1 kg Kirschen kaufen wollen, dann können wir es tun. Wir können uns täglich, sofern wir es möchten, alles notwendige und manchmal auch alles nicht notwendige leisten. Zudem haben wir eine Krankenversicherung, einen richtigen Reisepass und eine Bankkarte. Der größte Unterschied ist aber, wir sind freiwillig unterwegs. Und wenn wir keine Lust mehr haben, so können wir zurück.

 

Die Freiwilligkeit macht uns momentan noch immer viel Spaß und Freude, auch wenn dies oft bedeutet, wir leben unterwegs meist sehr einfach.

Freiwilliger Lagerplatz in den Bergen
Freiwilliger Lagerplatz in den Bergen

In unserer selbst gewählten, freiwilligen Einfachheit, liegt für uns oft ein großer Segen. Dies wird mir an den Abenden besonders bewusst. Im Wägelchen haben wir alles was wir brauchen. So können wir köcheln, entspannen, uns ausruhen, den nächsten Tag grob planen, dabei nach den Sternen schauen und wenn es in der Nacht kalt wird, wärmende Sachen aus Toyotas Bauch zaubern. Wir haben es, zumindest meistens, einfach nur gut.

 

Am Rande bekomme ich die momentanen Flüchtlingsschlagzeilen aus der Heimat mit. Manches irritiert mich, manches überrascht mich, manches stimmt mich traurig und manches stimmt mich froh. Was ich mir dabei am meisten wünsche, es möge endlich die Zeit kommen, dass niemand mehr flüchten muss. Nur ''Luxusflüchtlinge'' wie wir es sind, sollte es geben. 

Schneeberg bei Kayseri
Schneeberg bei Kayseri

So genießen wir den Weg rauf in die recht frische Bergwelt. Auf der anatolischen Hochebene wird es dann endlich wärmer. Auch die Landschaft ändert ihr Gesicht.
Bei Kayseri erblicken wir die Schneeberge der Region. Sie sind für mich die Könige der anatolischen Hochebene.

Anatolien ist die Kornkammer der Türkei. Ich mag diese anatolische Weite der Felder, das im Winde sich schwingende Korn, die seltenen grünen Oasen in den Senken, die geschwungenen Hügel und das flimmernde Licht auf den endlos erscheinenden Wegen. Hier macht es viel Freude einen Platz für die Nacht zu suchen, denn die Suche dauert nie lange. Oft nächtigen wir am Rande eines Kornfeldes.  

Bett im Kornfeld
Bett im Kornfeld
3 Flusswandertage
3 Flusswandertage

So oft es geht, versuchen wir die Hauptstraßen zu verlassen. Ideal ist dabei ein Nebenweg von Kayseri Richtung Kappadokien. 3 Tage wandern wir einem Fluss entlang. Vereinzelt gibt es kleine Dörfer an der Strecke. Die Menschen sind auch da nett wie immer. Viele Schafherden kreuzen unseren Weg. Gi hat da nur immer ein Problem mit den recht großen Hirtenhunden. Viele der Hunde tragen um den Hals einen Holz- oder einen Eisenring mit Stacheln.

Wenn einem bewusst ist, dass die Hunde ja nur ein bestimmtes Revier verteidigen, man das Revier akzeptieren muss, also nicht überschreitet, dann tun einem die Hunde auch nichts, erkläre ich dann immer Gi. Gi wäre es natürlich am liebsten, dass das Revier mit Fähnchen abgesteckt ist, so sagt sie es zumindest bei jeder erneuten Hunde-Revier-Verteidigungs-Attacke. Wie soll ich denn sonst das Revier erkennen, ist ihre plausible Feststellung.

Zum Glück sind die Schafe keine Revierhunde
Zum Glück sind die Schafe keine Revierhunde
Muss täglich sein
Muss täglich sein

An den Dorfwasserstellen ist meist Generalreinigung angesagt. Wir waschen da manchmal unsere Kleidung, reinigen das Kochgeschirr vom Ruß und füllen Trinkwasser auf. Auch da gibt es nie Probleme mit den Dorfbewohnern. Auch hier denken die meisten, dies müssen Flüchtlinge sein. Ich stelle mir da manchmal eine Wasserstelle in meiner Heimatstadt vor. Wie würden da wohl die Menschen reagieren?

 

An unserem Wanderfluss bekommen wir von einer Familie Äpfel und Gurken geschenkt. Der Mann und seine Frau verkaufen ihr überflüssiges Obst an der Straße. Nötig hätten sie es nicht, sagen sie uns. 30 Jahre haben sie in Deutschland gearbeitet, bekommen nun 2 Rentenüberweisungen im Monat aus Deutschland und können damit echt gut Leben. Sie dachten auch erst wir sind Flüchtlinge. Da sie Deutsch sprechen, erzählen sie uns ihre Geschichte. Zum Schluss unserer Unterhaltung legen sie uns ans Herz. Nicht alle Türken sind gute Menschen. Wir sollen aufpassen.  

Ohne Worte
Ohne Worte

Nur wenig später bekommen wir mit, dass ein Hündchen von einem PKW überfahren wird. Was mir da sofort in den Sinn kommt, der kleine Kerl hat nicht aufgepasst. Natürlich ist dieser Gedanke falsch, denn der Fahrer hat natürlich nicht aufgepasst. Er hält auch nicht an. Er rast einfach weiter. Nicht alle Türken sind gute Menschen.

Wir überlegen was wir machen können. Gi will den Kleinen zum Straßenrand bringen. Dies funktioniert aber nicht, denn die Hundemutter lässt uns nicht ran. Gi startet einige Versuche, doch keiner führt zum Erfolg. Die Mutter gibt ihr Kind nicht her. Es ist ihr Hunde-Mutter-Revier.

Wenn man zu Fuß unterwegs ist, bekommt man gnadenlos mit, was wir Menschen den Tieren alles antun. Fährt man mit einem Auto, dann sieht man natürlich die überfahrenen Hunde am Straßenrand, doch alles was kleiner ist, nehmen die Augen nicht mehr wahr. Besonders viele Schmetterlinge erwischt es. Schlangen, Schildkröten, jede Menge Vögel, Igel, Bienen, Eidechsen, Ameisen, Mäuse und Libellen werden überrollt, werden zermalmt am Autoblech. Zu Zeiten der Karawanen gab es diesen Massenmord noch nicht.

Wenn wir Menschen für jedes getötete Tier ein Kreuz am Straßenrand errichten müssten, bräuchten wir keine Leitplanken mehr. Milliarden von Kreuzen würden die Straßenränder säumen.

Viel Kiesel, wenig Teer
Viel Kiesel, wenig Teer

Kurz vor dem Herz von Kappadokien, bezwingen wir eine letzte längere Steigung. Wir lieben die Türkei, doch hassen wir die türkischen Hochland-Straßen, denn der Asphalt ist dort in der Regel ein Gemisch aus viel Kiesel und wenig Teer. Der Belag ist oft so grob, dass man sogar an leichten Gefällen Toyota richtig schieben muss. Bergauf kann es zur Qual werden. Qual bedeutet viel Schweiß, stechen in den Waden, gierig nach Luft schnappen, brennenden Schweiß aus den Augen wischen, gierig Wasser trinken und alle paar Meter eine Zwangspause einlegen. Wir mobilisieren da immer unsere letzten Kraftreserven, zumindest glauben wir es immer in genau diesen Augenblicken voller Anstrengungen. Zum Glück sind es aber nie die letzten Kraftreserven, denn so manche dieser Anstiege haben uns in den letzten Monaten begleitet, verärgert und auch genervt. Bezwungen haben wir sie jedoch alle. Hat man solch einen Anstieg dann irgendwann geschafft, erzwungen, bezwungen, dann spürt man eine Last fallen. Der Lohn sind dann oft plötzlich spürbare Glückshormone, welche den Körper sanft durchströmen. Es sind Gefühle die man nur unzureichend beschreiben kann. Nur wer sie selbst kennt, erlebt hat, kann sie auch wirklich nachempfinden. Bei dieser letzten bezwungen Steigung kommt hinzu, dass wir genau wissen, in 2 oder 3 Tagen wird sich unser Wanderkreis in Göreme schließen. Schließen bedeutet, in Göreme, da wo wir Smily vor über einem Jahr symbolisch beerdigt haben, werden wir unsere Wanderung beenden. An dieser letzten langen Steigung vermischen sich die Glückshormone in ein regelrechtes Hormonfeuerwerk.

Die Glückshormone kommen gleich
Die Glückshormone kommen gleich

Sollte jetzt noch ein Lager von Toyota brechen, dann werde ich alles auf meinem Rücken bis Göreme schleppen, sage ich in meiner Euphorie zu Gi.

Wirklich alles, fragt Gi irgendwie spitz.

Natürlich alles. Und wenn ich statt 3 Tage 10 Tage brauchen würde, alles würde ich hinschleppen.

Mich auch? Bei dieser unerwarteten Frage lächelt Gi unglaublich und kann die Antwort kaum erwarten.

Gi, Toyota wird durchhalten. Also muss ich, musst auch du, nichts schleppen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Ich kann dir aber schon jetzt was versprechen. In Göreme wird es 2 Überraschungen geben. Frage aber bitte nun nicht alle 5 Minuten was die Überraschungen sind. In 2 oder 3 Tagen ist es ja soweit.

 

Nicht nur Gi muss sich noch etwas gedulden, denn was die Überraschungen nun wirklich sein werden, erzähle ich nämlich erst im nächsten Teil.

 

Bis dahin,

liebe Grüße, von Wi + Gi + Toyota

 

Wanderkilometer bis kurz vor Göreme:                        ca. 430 km

 

Gesamtwanderkilometer bisher:                                 ca. 5690 km           Stand: Anfang August 2015

 

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