Türkei zurück Teil 3

Letzte Wanderkilometer bis Göreme - Überraschungen - Zahlensalat - Wie weiter?

3 Tage lassen wir uns Zeit für die letzten 50 Kilometer bis Göreme. Dabei genießen wir die erneute Landschaftsänderung. Der Fluss wird stetig breiter. In so mancher Senke entdecken wir verlassene Siedlungen. Die ersten Aushöhlungen in den so markanten Tuffsteinwänden sind erkennbar. Wenige Kilometer vor Avanos kommen wir wieder auf die Hauptstraße. Sie führt uns in den Talkessel der Bilderbuchlandschaft von Kappadokien. Als wir auf einer Anhöhe, wie zwei kleine neugierige Kinder, die eigenartig schöne Landschaft bestaunen, hält ein Auto neben uns.

Echt schöne Landschaft
Echt schöne Landschaft

Der Fahrer möchte uns zum Essen einladen. Er sagt uns, in 500 Meter wäre rechts eine Kneipe. Er will dort auf uns warten.

Da wir echt richtig Knast haben, der Mann uns auch nicht unsympathisch erscheint, biegen wir nach 500 Metern rechts ab. Die Kneipe gibt es wirklich und der Gastgeber wartet schon auf uns. Wir beantworten die üblichen Fragen. Zwischendurch geht unser neuer Freund auf Zeit viermal in die Küche, gibt wahrscheinlich dort die Bestellung auf, denn was soll er sonst in der Küche? Was uns komisch erscheint, nach jedem Küchengang wird er redseliger.

Serviert wird uns gebratene Leber in einer großen Pfanne. Dazu gibt es reichlich Brot und Salat. Es schmeckt herrlich. Dazu trinken wir Wasser. Auch unser Gastgeber hat ein Wasserglas. Allerdings sieht der Inhalt recht milchig aus. Mir wird sehr schnell bewusst, das muss Raki sein.

Also frage ich. Mit der Frage steche ich in ein Wespennest, denn unser Rakifreund lässt ordentlich Dampf ab.

Der Erdogan macht es uns schwer. Die Bierpreise und auch mein geliebter Raki kosten seit Erdogans Machtergreifung den doppelten Preis. Auch wird ständig über uns geschimpft, also über uns, die wir noch immer Alkohol trinken. Irgendwann müssen wir noch heimlich trinken. Raki ist doch aber unser Nationalgetränk, sagt er halb flehend.

Uns war in den letzten Wochen aufgefallen, dass es wirklich weit weniger Bierläden gibt. Bierläden erkennt man an den davor aufgestapelten Efeskästen (türkische Biersorte). Während unserer Weltradeltour, vor einigen Jahren, gab es eigentlich in jedem türkischen Dorf mindestens einen Efes-Eifelturm. In der Zwischenzeit sind viele Dörfer, manchmal sogar Kleinstädte Alk-frei.

Ich kann nicht verleugnen, dass ich gerne ein kühles Efes trinke. Bei allerdings ca. 2 Euro für die Flasche, hält sich die Sehnsucht im Grenzbereich. So verstehe ich auch irgendwie unseren Rakifreund. Übrigens lässt er kein gutes Haar an Erdogans Politik. Wenn das Atatürk miterleben würde, sagt er uns nicht nur einmal.

Als ich später beim Abräumen helfe, gelange ich ins Rakireich. In einem großen Kühlschrank sind die Rakibomben gestapelt. Drei Abräumwege legen wir zurück. Drei Raki versüßen uns die harte Arbeit. Wenn das Erdogan jetzt miterleben würde, sage ich zum Rakifreund. Beide können wir herzlich lachen.

Trotz seiner mindestens 7 vernichteten Raki, fragt uns unser Gastgeber, soll ich euch mit dem Auto bis Göreme fahren? Nicht nur wegen der Promille, lehnen wir dankend ab. Wir wollen auch einfach die letzten Kilometer bis Göreme zu Fuß zurücklegen. Wir sind es einfach der Landschaft schuldig.

Am späten Nachmittag schlecken wir noch ein Eis im schönen Avanos. Nur noch wenige Kilometer trennen uns da von Göreme. Auf halben Weg schauen wir uns nach einem geeigneten Lagerplatz für die Nacht um. Wie immer versuchen wir dabei etwas versteckt zu lagern. Neben einem wunderschönen Tuffkegel werden wir fündig.

Noch vor Sonnenuntergang entzünde ich ein kleines Feuer. Dabei benutze ich eine alte Feuerstelle. Aus Umweltgründen tue ich dies immer so. Gibt es eine alte Feuerstelle, und diese sind in der Türkei reichlich, dann wird diese benutzt. Nach dem Abendessen genießen wir das verzauberte Lichtermeer vom fernen Göreme.

Gerade als wir uns ins Zelt begeben wollen, fährt ein Auto auf unser Lager zu. Es ist ein Polizeiauto. Mit Taschenlampen leuchten die zwei Polizisten unser Lager ab. Ich zeige ihnen die Wasserflasche neben unserer erloschenen Feuerstelle. Sie haben nichts zu beanstanden, wünschen uns eine gute Nacht und sind sehr schnell wieder verschwunden.

Keine Ahnung woher sie wussten, dass wir hier sind. Eigentlich ist unser Lager von der recht fernen Straße nicht einsehbar. Vielleicht ist unser Platz ein sehr beliebter Platz, sehr beliebt bei Flüchtlingen und auch bei den Türken selbst. Er liegt ja auch echt romantisch.

Am Morgen wecken uns die Geräusche der für Kappadokien so typischen Ballons. Bis über einhundert können da am Himmel versammelt sein.

Traumlandschaft vorm Hochzeitshotel
Traumlandschaft vorm Hochzeitshotel

Lange Zeit folgen unsere Äuglein den gemütlichen Luftströmungsreisen. Wir haben unsere Morgen-freude. Garantiert haben die Ballonfahrer auch ihre Freude, denn solch einen romantischen Lagerplatz sieht man von oben sicherlich recht selten.

Ich sage Gi, wir haben Zeit. Es ist nicht mehr weit. Nur ungefähr eine Stunde müssen wir laufen. Wohin genau, möchte Gi wissen. Zur ersten Über-raschung, rufe ich ihr zu.

Bereits gegen 10 Uhr, eigentlich viel zu zeitig, stehen wir vor der Überraschung. Es ist das Hochzeitshotel. Ich hatte es heimlich vorgebucht. Vor 11 Monaten hatten wir hier den ersten Abschnitt unser Wanderung beendet. Das Hotel war super. Da wir neben der Einfachheit auch kein Problem mit zeitweisen Luxus haben, ist die Überraschung gelungen.

 

Das Personal vom Hotel hat uns nicht vergessen, denn sie erinnern sich sofort an unserem Besuch vor 11 Monaten. Nicht jeden Tag kommt halt hier jemand mit Wanderwägelchen vorbei. Sofort informieren sie ihren Chef.

Der Chef ist happy. Er fragt, was ich gebucht habe? Das billigste Zimmer, wie damals auch, sage ich. Nein, nein sprudelt es aus ihm heraus. Ihr bekommt das beste Zimmer. Ihr bekommt eine der großen Suiten mit Whirlpool und Kamin. Das ist ein Geschenk vom Hotel.

Nun sind wir happy.

Gi sagt später, ein Kamin bei über 30 Grad macht ja keinen Sinn, doch wenn der Chef wüsste, was er mir für eine Freude mit dem Whirlpool gemacht hat, da kann ich nämlich prima unsere Wäsche zwirbeln lassen.

Wir genießen den Luxus. Wir genießen Göreme. Wir genießen das gute Essen. Wir genießen die Gastfreundschaft vom Chef. Und wir genießen die Hochzeiten am Abend.

Hochzeitskino am Abend
Hochzeitskino am Abend

Nebenbei unternehmen wir natürlich Wanderungen im weiteren Umfeld. Wir mögen die Landschaft in Kappadokien ganz besonders gut leiden. Natürlich laufen wir hier ohne Toyota durchs Wanderparadies. Wir erinnern uns dabei jedoch an Toyotas kleinen Bruder. Er wurde ja hier symbolisch beerdigt.

Einen Tag bevor wir Göreme verlassen, muss Toyota nochmal richtig rollen, denn Gi wartet schon einige Tage ganz ungeduldig auf die zweite Überraschung.

Während unser 5740 Wanderkilometer hat mich Gi oft mit einem Wunsch genervt. Wi, ich möchte so gerne mal im Wagen sitzen. Wi, eigentlich könntest du mich mal einen ganzen Tag schieben. Wi, der Wagen hält mich doch bestimmt aus?

Wir machen eine letzte letzte Ausfahrt mit Toyota. Dabei darf Gi im Toyotabäuchlein für einige Kilometer sitzen. Sie ist natürlich glücklich, dass ihr sehnlichster Wanderwunsch nun in Erfüllung geht.  

Wunscherfüllung
Wunscherfüllung

Und da Gi mir irgendwie von den Augen abliest, dass ich manchmal doch noch ein kleiner Junge bin, werde auch ich ein Stückchen geschoben.

Ne Runde für kleine Jungs
Ne Runde für kleine Jungs
Toyotas neue Heimat
Toyotas neue Heimat

 

Nach den Spaßkilometern wird es dann aber ernst. Wir müssen uns von Toyota verabschieden. Vor 11 Monaten haben wir in der Nähe von Göreme eine Familie kennengelernt. Schon unterwegs war mir klar, die könnten Toyota gut gebrauchen. In ihrer überdachten Holzhütte bieten sie Tee und andere Leckereien an. Ein Transportauto haben sie nicht. Wir bringen Toyota zur Hütte.

Abschied
Abschied


Der Abschied fällt schwer.


Für 5740 Wanderkilometer


war er unser treuer


Begleiter.  

Für alle Zahlenfreunde etwas Tourenzahlensalat:


Wanderkilometer: Teil 1 - von Sonneberg bis Göreme in der Türkei - mit Toyota + Smily


510 km Deutschland

260 km Österreich

310 km Italien

320 km Albanien

560 km Griechenland

870 km Türkei


2.830 km 130 Tage = ca. 22 km pro Tag


Wanderkilometer: Teil 2 - von Dubai zurück bis Göreme in der Türkei - mit Toyota


125 km VAE

450 km Oman

165 km VAE zurück

425 km Iran

460 km Armenien

430 km Georgien

855 km Türkei zurück


2.910 km 170 Tage = ca. 17 km pro Tag


Gesamtwanderkilometer:        5.740 km        /                300 Tage = ca. 19 km pro Tag

Der wirkliche Tagesdurchschnitt erhöht sich natürlich durch eingelegte Ruhetage, Tage wegen der Bürokratie und durch unseren Autoabstecher nach Salalah im Oman. Durch diese Ruhetage (ca. 40) beträgt der Tagesdurchschnitt ca. 22 über die gesamte Wanderstrecke.

Die ''Königsetappen'', davon gab es einige, waren über 40 Tageskilometer. Da ist Mann/Frau in der Regel am Abend ordentlich geschafft.

An der türkischen Schwarzmeerküste haben wir 2 Schweizer Langzeitwanderer getroffen. Sie waren/sind mit Rucksack unterwegs. Nach ihrer Aussage sind ihre Tageskilometer zwischen 25 bis 35 km. Bei dieser Aussage war ich nicht unzufrieden, dass Toyota als Lasteneselchen dabei war, denn ich denke, mit einem Wagen tut man sich körperlich leichter. Die Nachteile vom Wagen sind ganz klar, die steilen Anstiege und steilen Abfahrten. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Nachteil, ist die Streckenauswahl. Wanderungen über Stock und Stein kann man da vergessen.   

Beurteilung Wägelchen: Wir hatten uns für die preiswertesten Fahrradanhänger entschieden (jeweils gute 100 Euro pro Stück) welche im Frühjahr 2014 über Internet zu beziehen waren. Herstellungsland ist China. Ich muss zugeben, wir hatten Smily und Toyota vom ersten Tag an überladen. Die vorhandenen Packvolumen nötigten uns fast dazu. Die Schwachpunkte der Wägelchen waren jeweils die Alu-Aufhängung der vorderen Laufräder, die chinesischen Radlager und die chinesische Bereifung.

Heute würde ich mir vor Tourbeginn mindestens 2 Ersatzlager besorgen und die Bereifung auswechseln. Wegen der wirklich schlechten Bereifung, musste ich über 50 Löcher flicken. Nach den Boxenstopps (Reifenwechsel) in Griechenland habe ich bis zum Schluss der Tour, nur noch 6 Löcher geflickt.

Garantiert würde ich auch die Aufhängung der vorderen Laufräder verändern. Mit diesen minimalen Veränderungen, ist man trotz Überladung, weit sorgenfreier unterwegs. Auch würden wir sicherlich nur mit einem Wagen starten, denn in Toyotas Bauch passte für Teil 2 unserer Wanderung letztendlich ja auch alles was nötig war.

Eine nette Forumskollegin hatte mir bei Kilometerstand 5000 folgendes geschrieben:

 

5000 Kilometer sind 5.000.000 Meter = bei einer Schrittlänge von ca. 33 cm ungefähr 15 Millionen Schritte.

 

Sollte unsere Schrittlänge etwas größer sein, so sind es bei 5740 Kilometer auf alle Fälle über 15 Millionen Schritte gewesen.

Nicht einen Schritt davon haben wir bereut, denn die längere Wanderung war für uns eine weitere Lebenserfahrung. Ist man zu Fuß unterwegs, nimmt man sein Umfeld viel genauer wahr. Darin liegt der eigentliche Reiz. Ich will nicht verhehlen, dass diese Reize natürlich nicht immer nur positiv sein können. Wenn ich da nur an die vielen Blasen denke! Da die Reize aber die überwiegende Zeit positiv waren, hat sich letztendlich jeder Schritt gelohnt.

Wie weiter?

 

Natürlich hätten wir von Göreme aus weiter Richtung Heimat laufen können. Dies wollen wir aber nicht, denn es würde bedeuten, irgendwann zur Winter-Frühlingszeit in Deutschland anzukommen. Wir lieben die Wärme und nicht die Kälte. Relativ wichtig war uns in den letzten Wochen eigentlich nur, dass sich der Wanderkreis in Göreme schließt. Dies war uns vergönnt. Und dafür sind wir unendlich dankbar.

Da wir noch bis Frühjahr 2016 Zeit haben, möchten wir diese restliche Zeit in einer wärmeren Gegend verbringen.

 

Bevor wir in Göreme in den Bus nach Ankara steigen, lässt sich Gi noch etwas Henna - verschönern. So wird ein Stück Türkei uns begleiten. In Ankara wollen wir uns um die Visa für ein weiteres interessantes Land bemühen.

Berichte leben auch immer von etwas Spannung. Deswegen erzähle ich auch erst im nächsten Teil, welches Land es sein wird.

Wir möchten dort eine weitere Reiseform erleben. Wer mag, kann uns auch bei dieser begleiten.

 

 

 

Bis dahin,

 

liebe Grüße,

 

Wi + Gi grenzenlos                                                                          Stand: Mitte August 2015

 

Buch - Abgelatscht

Abgelatscht - 5740 Wanderkilometer durch 11 Länder - Wi + Gi Hofmann
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Buch - Grenzenlos

Grenzenlos  -  Mit dem Fahrrad 4 Jahre um die Welt - Wi + Gi Hofmann
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Mit Wägelchen 11 Länder - 5.740 km
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Oman Fischer
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Afrika - Strahlende Kinderaugen
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Mondsichelstürmer
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Spiegelung
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Die Sonnenfängerin
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Wanderung Neuseeland
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Beim Straßenzahnarzt in Indien
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Kappadokien
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"Leeres Viertel"
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Hahn im Korb - Oman
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Neuseeland
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Australien
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Indien
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