Indien - Teil 8

Rituelles Bad
Rituelles Bad

Leben mit dem Tod

Gassenkampf
Gassenkampf

Damals, während unserer Welt-radeltour, sind wir recht abgekämpft in Varanasi eingeradelt. Ich kann mich noch erinnern was Gi mir flüsterte, als ich von einem Varanasi- Spaziergang ins Zimmer zurückkam. Gi sagte an diesem Abend zu mir: Ich glaube, ich habe den Ekelwahn.

Natürlich fragte ich, warum?

Als du in deiner Leichenstadt unterwegs warst, habe ich mit einem Hoteljungen eine Ratte in unserem Zimmer gefangen. Die Kakerlaken im Bad haben wir – so gut es eben ging – tot gesprüht oder halt erschlagen. Von der Chemiekeule hat das Hotel in drei Jahren immer noch was. Als ich mir dann frische Luft am Fenster reinziehen wollte und nach unten schaute, du wirst es nicht glauben, saßen da wirklich drei kackende Inder! Dein Leichenhausen treibt mich zum Wahnsinn!

Wow, die Erinnerung ist natürlich heftig.

Zur Erklärung: Es war gerade die Phase, als Gi mit ihrem Darmproblem zu kämpfen hatte (zu lesen in Bericht Nr. 3 ). Genau geschrieben, es war ihre hochgradige Indien- Hass- Phase, als sie nämlich damals erkannte, dass sie statt der Tabletten gegen heftigen Durchfall, die Tabletten für heftigen Durchfall geschluckt hatte. Es war also die Gi- Indien- Hass- Phase hoch drei, welche für eine Stadt wie Varanasi, natürlich sehr kontraproduktiv sein kann, um es diplomatisch auszudrücken.

Sie war während unserer 3 Tage in der Stadt nur einmal an den Ghats dabei. Eine der Tablettennebenwirkungen war wahrscheinlich daran Schuld, dass sie bei genau diesem Besuch an einem der Verbrennungsghats, sehr, sehr intensiv den Leichen- Verbrennungsgeruch erschnüffeln konnte, behauptete sie jedenfalls. Sie hatte somit sehr schnell die Nase randvoll. Varanasi wurde für sie zu „Leichenhausen“ und letztendlich verließen wir die von ihr ordentlich Geschmähte schon nach 3 Tagen.

Ich selbst hatte mich irgendwie mit Varanasi angefreundet, denn ich fand die Stadt zumindest außerordentlich interessant.

 

Damit meine damals gefühlte Freundschaft, diesmal auch so für Gi eintreffen möge, machte ich mir dazu vorher schon Gedanken. Wichtig erschien mir dabei, unser damaliges Zimmer für 3,80 Euro pro Nacht, gegen ein höherwertiges einzutauschen, denn ein passables Zimmer ist immer schon die halbe Miete, zumindest glaube ich manchmal fest daran. Da unsere Fahrt, von Hampi bis Varanasi, zudem sehr angenehm und ohne jegliche Darmproblematik verlief, also mit vielen schön angereicherten Tagen, rechnete ich dies elegant zur anderen Hälfte der Miete. Wird meine einfache Rechnung aufgehen?

Diesmal zuckeln wir recht beglückt nach meinem Freiluft- Friseurbesuch durch die engen Gassen von „Leichenhausen“. Hinter jeder Gassenecke gibt es eine neue Überraschung. Manchmal steigt Gi ab, um zu Fuß den Weg zu erfragen, um mich zu lotsen, um mich einzuweisen oder um gar sperrige Dinge in den Gassen wegzuräumen. Wir suchen nämlich im unglaublichen Gassengewirr eine ganz bestimmte Unterkunft. Diese zu finden ist nicht einfach. Doch Gi, anders als bei unserem damaligen Fahrradbesuch, ist echt gut gelaunt. Sie gibt nicht auf. Es ist ihr egal, dass wir eine gute Stunde brauchen, um das erhoffte Glückshotel zu finden. Ich hatte es vorher über eine Internet- Hotelsuchmaschine auserkoren.

Okay, die Hürde des fünffachen Preises, gegenüber dem Rattenzimmer von damals, musste ich dabei erst mutig überspringen, doch wenn ich der ausführlich märchenhaften Beschreibung des Hotels glauben darf, erwartet uns ein Traum von Zimmer, ein Traum von Hotel.

 

Ich will den Spannungskurve kurz halten. Es wird tatsächlich ein indischer Hoteltraum für uns!

Hotel - Zimmertraum
Hotel - Zimmertraum

Hier passt einfach alles, stellen wir schon nach nur wenigen Minuten fest. Unser Zimmer ist ein Wohlfühlzimmer. So etwas sauberes haben wir in Indien noch nie erlebt. Neben sauber, geizt das Hotel auch nicht mit dekorativer Verspieltheit. Das Fenster eröffnet einen grandiosen Blick runter zum Ganges, runter zu einem der ca. 80 Ghats. Für drei Nächte habe ich vorgebucht. Letztendlich bleiben wir sieben. Die Zahl 7 gibt zu erkennen, dass Varanasi selbst, diesmal auch für Gi, eine etwas länger machbare Option sein wird.

 

Was macht nun aber dieses Varanasi - je nachdem wie man halt die Stadt selbst erlebt oder erleidet - so spannend, so verrückt, so bunt, so unerträglich, so faszinierend, so abstoßend, so romantisch oder gar so schockierend ?  

Altstadt
Altstadt

Der interessanteste Stadtteil, nämlich die Altstadt von Varanasi, verteilt sich einige Kilometer entlang am Westufer des heiligen Ganges. Da befinden sich auch die berühmt- berüchtigten Ghats (zum Ganges hinabführende Treppen). Jedes Ghat hat einen Namen. Zum Ghat gehört immer ein Tempel, welcher für die so wichtigen Religionshandlungen erbaut wurde. An diesen Treppenabgängen verrichten die Hindus ihre Kulthandlungen, ihre Waschungen und an einigen wenigen dieser Ghats wird auch die Verbrennungszeremonie ihrer Toten sehr öffentlich abgehalten. Die Hindus werden religionsbedingt verbrannt. Und wer es sich leisten kann, bringt den Verstorbenen oder seine Asche nach Varanasi.

 

Im Labyrinth der Gassen und am Ganges selbst, kann man sich der Flut der bizarren Gerüche, der Buntheit des indischen Lebens und den Hindu- Ritualen des Totenkultes sehr intensiv ausliefern.  

Verbrennungsghat
Verbrennungsghat

Bei all unseren Spaziergängen in den Gassen oder entlang der vielen Ghats, erschlagen mich erneut fast die Eindrücke. Viel Zeit brauche ich, um all die magischen, skurrilen und surrealen Momente zu verarbeiten. Besonders an den Verbrennungsghats zerrt das Nervenkostüm wie ein aufgeblasenes Segel bei Windstärke 10. Um dem Segel etwas Wind zu nehmen, um bestimmte Dinge richtig einordnen zu können oder um auch nur annähernd zu verstehen, sitzen wir oft lange Zeit einfach nur herum, denn lange Zeit nur zu beobachten, enträtselt so manche Eigenheit. Dabei hilft mir auch sehr, mich wie in anderen Ländern oftmals auch, einfach zu hinterfragen, was wäre aus mir geworden, wäre ich denn hier geboren worden? Doch diesmal frage ich mich gleichzeitig, welcher Job wäre für mich bei all dieser reichen Jobauswahl der angenehmste?

Kein Touristensadhu
Kein Touristensadhu

Egal wo man in Indien unterwegs ist, Sadhus trifft man immer. Und in Varanasi trifft man sie zudem dann ständig, denn hier ist mit all den Touristen recht gut Knete zu machen. Vorausgesetzt natürlich, man scheut nicht den Kontakt zu den ausländischen und auch vielen indischen Reisenden. Nur wenige Sadhus in Varanasi sind nur auf der Durchreise, auf dem langen Pilgerweg ihres Lebens. Die meisten gehören zum Varanasi- Inventar. Ein Touristen- Sadhu möchte ich selbst nicht sein, auch wenn die Mahlzeiten gesichert erscheinen, denn ständig die gleichen Sprüche zu klopfen, wäre mir auf Dauer zu langweilig, zu eintönig und somit sicherlich auch zu anstrengend. Als Sadhu auf ständiger Wanderschaft, könnte ich mich da schon eher vorstellen.  

Als Straßenbarbier hat man auch nicht die besten Karten, denn auch davon gibt es sehr viele. Die Rikschafahrer leben am Rande der Stadt. Dort sind die Elendsviertel. Ihr gnadenlos erkämpftes Geld reicht nicht zum würdigen Leben. Überhaupt ist es in Varanasi, wie überall in Indien, die Jobs sind knallhart umkämpft, die Reviere mafiamäßig abgesteckt und die Kastenordnung lässt nur wenig Spielraum für erwünschte Veränderungen.

Nur selten trifft man Individualisten, Menschen welche eine Nische für sich auserkoren haben. Dazu gehört ein Mann, welchen ich schon damals voller Neugierde beobachtet hatte. Noch immer taucht er nach Kostbarkeiten im Gangesschlamm. Täglich mindestens acht Stunden verbringt er im keimigen Gangeswasser, taucht unter, wühlt im Gangesschlamm, ergreift was die Hände erfühlen, taucht auf, begutachtet und wirft letztendlich meist den Schlamm zurück in die schmutzigen Fluten, denn keine Kette, kein Ring und auch keine Münzen werden sehr oft von den Gangespilgern im Wasser verloren, als dass sich jeder Tauchgang lohnen würde. An vielen Tagen hat er nur Schlamm in den Händen. Ring, Kette oder Münzen geben nur sehr, sehr selten Anlass zu Freude. Für den Mann gibt es aber auch kleine Freuden, denn was er ziemlich oft zwischen den Fingern an die Wasseroberfläche bringt, sind weiße Würmer. Und da er sie wie damals, auch diesmal noch immer genüsslich im Mund verschwinden lässt, dabei auch immer leicht lächelt, muss ich somit von kleiner Freude schreiben. Die kleinen Freuden der Menschen weltweit können sehr unterschiedlich sein.

 

Für mich wäre es keine Freude! Für mich wäre seine tägliche Arbeit eine echte Qual. Nicht nur wegen der Würmer. Ich kann mir einfach nur sehr schwer vorstellen, täglich das dreckige Wasser zu fühlen, geschweige denn darin täglich einzutauchen.  

Schon viele Jahre taucht er
Schon viele Jahre taucht er

Das Wasser berühren oder gar täglich eintauchen, bedeutet nämlich, mit all dem Schmutz in Berührung zu kommen, was der Ganges halt so an schmutzigen Überfluss bietet. Nicht sehr weit vom Glückstaucher befindet sich eine der vielen Freiluftwäschereien.

Hier wird in Kesseln die Wäsche sehr umweltschädlich vorgekocht. Alte Autoreifen und Abfälle der Schuhindustrie werden verschürt. Zum Schluss gelangt die Brühe in den Ganges. Die Wäscherinnen klopfen die Wäsche auf Steinen bis sie sauber erscheint. Arbeit bei den Wäschern, wäre auch nicht so mein Ding.

24 Stunden täglich lodern die Flammen
24 Stunden täglich lodern die Flammen

An manchen Abenden schippern wir in einem Boot über den Ganges. Da ist der Sonnenuntergang immer so romantisch. Die brennenden Blumen-schälchen der Pilger ziehen dabei wie Lichterketten an den Booten vorbei. Es ist die Zeit der mystischen Varanasi- Stimmungen. Natürlich paddelt unser Bootsführer auch immer an den Ghats mit den Verbrennungen vorbei. Am Abend sind die Feuer weit sichtbar. Da frage ich mich, könnte ich vielleicht an diesen Feuerghats arbeiten?

Es wäre ein Leben mit dem Tod. Die Einäscherung von den Toten, wäre mein Geschäft. Da täglich zwischen 100 bis 400 Verbrennungen an den Ghats stattfinden, wäre es eine absolut krisensichere Arbeit. Und aus der Krisensicherheit ist leicht zu erraten, irgendwann würde ich selbst da liegen. Liegen auf einer Bambustrage, eingehüllt in Tücher. Die Verwandten oder starke Jungs, würden mich auf der Trage die Stufen runter tragen, kurz im heiligen Ganges untertauchen, zurück schleppen, um auf einem Stapel Feuerholz verbrannt zu werden. Meine Asche würde letztendlich im Ganges verschwinden, sich vermischen mit allem was der Ganges in seinem Wasserbauch mit sich führt. Dies könnte mir aber egal sein, denn die schnelle Befreiung aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt erlangt man an diesem heiligen Ort angeblich sehr schnell.

Als Kind, angelockt durch ältere Freunde, hatte ich meinen ersten Toten im damaligen Leichenschauhaus des Sonneberger Krankenhauses vor lauter Angst erzittern dürfen. Ich will sofort gestehen, es war der ultimative Horror für mich, denn Alpträume begleiteten mich danach längere Zeit. Noch heute sehe ich die obduzierte Leiche vor mir. In Varanasi spukt mir die neugierige Alptraum- Jugendsünde erneut im Kopf herum. Die Arbeit mit dem Tod, könnte nicht mein Geschäft sein.

Und doch muss die Arbeit getan werden, weltweit getan werden. Ich habe sehr viel Achtung vor all diesen Menschen. Weltweit geschieht dies sehr unterschiedlich. So öffentlich wie in Varanasi, geschieht es jedoch nur sehr selten. Was mir dabei noch durch den Kopf geht?

Was überall, bei dem Kreislauf von der  Geburt bis zum Tod, weltweit gleich ist, ist die Tatsache, dass jeder mit leeren Händen kommt und jeder mit leeren Händen geht. Egal was er sich an Reichtum angehäuft hat. Die Hände werden leer sein! 

 

Holzlager
Holzlager

 Da ich den unter-schiedlichen Geruch von Holz sehr mag, könnte ich mir zumindest vorstellen, in einem der vielen Holzlager neben den Verbrennungsghats zu arbeiten.

Ich mag die Maserung, die unterschiedlichsten Farbtöne und auch die Spalt- oder Sägegeräusche bei der Holzverarbeitung.

Und harte Arbeit ist mir zudem nicht fremd. Doch auch harte Arbeit findet ihre körperlichen Altersgrenzen. 

Harte Arbeit ist mir nicht fremd - okay war mir nicht fremd
Harte Arbeit ist mir nicht fremd - okay war mir nicht fremd

Nach vielen weiteren Vorstellungen, zu möglichen Jobs in Varanasi, fällt mir das für mich eigentlich sehr nahe erst sehr spät auf. Es war so nah, dass es mir vielleicht deshalb erst am letzten Abend bewusst wird. Würde ich nämlich zur Kaste der Bootsführer gehören, dann wäre ich sicherlich zufrieden, denn mit dem Gangeswasser käme ich kaum in Berührung, der Tod hätte immer einen erfreulichen Abstand und täglich würden in meinem Paddelboot andere Menschen sitzen. Und da ich ja dann auch hier geboren sein würde, würde ich all die intimen Geschichten, Begebenheiten und Geheimnisse von Varanasi, und somit auch vom Leben mit dem Tod viel mehr wissen. Und es würde mir sehr viel Freude bereiten, all diese Geschichten meinen Bootsgästen zu erzählen, mein Varanasi zu rühmen. Zwischen jedem Satz, würde ich das Paddel durchs Wasser ziehen, dabei genüsslich meine staunenden Gäste betrachten, und wieder am Ufer angekommen, mich über ein saftiges Trinkgeld erfreuen. Ich bin mir ziemlich sicher, diese Arbeit würde mir gefallen.

Letztendlich tröste ich mich aber mit dem Gedanken, dass ich sicherlich irgendeinen Job hier machen würde. Und da für mich jede Arbeit auch etwas mit Anerkennung, Respekt, Achtung und Würde zu tun hat, würde ich mir dabei nur wünschen, man möge mich, egal welche Arbeit ich verrichten würde, respektvoll behandeln.

 

Mit vielen neuen Eindrücken, verlassen wir Varanasi. Gi hat ihren Frieden mit ihrer ,,Leichenstadt'' geschlossen. Dies freut mich natürlich besonders. Sie war oft der treibende Keil für unsere Wanderungen durch die engen Gassen, für unsere Wanderungen entlang des heiligen Ganges.

 

Im nächsten Teil versuchen wir Richtung Himalaya zu tuckern, besuchen aber vorher die Stadt der erotischen „Kunstturner/innen“, die Stadt der Felsskulpturen und die Stadt Agra, mit dem wohl berühmtesten Grab der Welt, dem Taj Mahal.

 

Bis dahin,

 

LG, Wi + Gi + Kampfmaschine, welche in Varanasi verdiente Pause hatte.

 

Kilometerstand: 6.530 km                                                               Stand: 3. Woche im November 2015

 

 

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Abgelatscht - 5740 Wanderkilometer durch 11 Länder - Wi + Gi Hofmann
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Spiegelung
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Kappadokien
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"Leeres Viertel"
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Neuseeland
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Australien
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Bayrischer Wald
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Weg in den Nebel
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