Die Winterpause hat begonnen!

Ankara - die Unbekannte?

Ein Mann zeigt mir aus großer Höhe, die aus seiner Sicht, schönsten Plätze von Ankara. Wir sind am höchsten Punkt der Stadt. Haben somit gemeinsam eine absolut gute Übersicht. Vom Burgberg liegt einem die Stadt sozusagen 360 Grad zu Füßen.

Seine Stadt
Seine Stadt
Der Burgberg von Ankara
Der Burgberg von Ankara

Der Mann erzählt mir dabei, auch wenn wenige Touristen nach Ankara kommen, seine Stadt da unten gehört zu den schönsten in der Türkei. Von Moscheen erzählt er, von Parkanlagen, von der Altstadt, von einem großen See außerhalb der Stadt, vom Atatürk Museum und vielem mehr. Ich frage nach, denn Atatürk interessiert mich schon immer und auch immer mehr. Ja Atatürk, sagt er, haben wir die nun schöne Stadt da unten zu verdanken, denn nach Atatürks Machtergreifung vor vielen, vielen Jahren, bestimmte er, dass das ehemalige Nest Ankara die Hauptstadt der Türkei sein wird. Er wollte damit die Macht und die Selbstherrlichkeit von Istanbul brechen. Istanbul ging natürlich nicht unter. Dafür war die strategische Lage viel zu wichtig. Doch im Laufe von Jahrzehnten wurde aus dem ehemaligen Nest eine wirkliche Hauptstadt.

Einige Tage können wir uns davon überzeugen. 4 Tage haben wir von Göreme bis in die wirkliche Hauptstadt gebraucht. Es waren 4 interessante Tage. 2 davon sind wir im alten Stiel gewandert. Gewandert immer der Straße entlang, vorbei an Dörfern mit freundlichen Menschen, vorbei an endlos erscheinenden Feldern, an Wasserkanälen und über viele, viele Hügel. Was nicht schön war, mein rechter Fuß begann erneut zu schmerzen. Da machte es sich gut, dass am 3. Tag ein Auto anhielt und uns weit über 100 Kilometer der Hauptstadt näher brachte. Am 4. Tag erleben wir den Service einer türkischen Busfahrt, denn wo gibt es schon erfrischende Getränke und ein ordentliches Busfrühstück? Das schöne dabei, es kostet nichts extra. Und es schmeckt sogar sehr gut!

Altstadtladen im Burgberg
Altstadtladen im Burgberg
Abendstimmung in Ankara
Abendstimmung in Ankara

Die Überzeugung, dass Ankara wirklich schön ist, erleben wir auf unseren Märschen durch die Stadt. Gleich nach dem Frühstück verlassen wir täglich unsere Unterkunft am Rande der Altstadt, immer verbunden mit der Suche nach bestimmten Plätzen, Orten, Straßen, Läden.

Meine Kamera hat einen Defekt, einer meiner Zähne hat eine Plombe verloren und wir suchen eine bestimmte Botschaft für ein Visa. Der Kameraspezialist erklärt mir, meine Kamera hat ein großes Problem, denn der Sensor geht zwar reinigen, doch die 2 unübersehbaren Kratzer werden für immer bleiben. Der Zahnarzt erklärt mir, er kann mir natürlich eine Plombe einsetzen, doch bräuchte er dazu mindestens 2 Termine, der erste natürlich nicht heute, und kosten würde die Verplombung über 200 Euro. Auch wenn ich eine Versicherung habe, mag ich dem gierigen Zahnarzt nicht seine Börse vergolden. Eine Mitarbeiterin der Botschaft erklärt uns, nachdem wir die Botschaft nach einem langen Marsch endlich gefunden haben, wir bräuchten ein weiteres Papier um überhaupt einreichen zu können. Wir besorgen dieses Papier, doch die Lady ist von der Sorte Botschaftsvorzimmerdrachen. Das Papier ist angeblich falsch. Auch der zweite lange Marsch war umsonst. Drei Tage Ankaramärsche, doch kein einziges Problem gelöst. Wie kann Ankara da für uns schön sein? Im Laufe unserer Tourenjahre haben wir gelernt, für alle Problemchen und Probleme gibt es immer irgendwie eine Lösung. Wichtig dabei ist meist der Zeitfaktor. Hat man den Luxus der Zeit, gibt es auch eine Lösung. Hat man Zeit, regt man sich über momentan ungelöste Probleme auch nicht sonderlich auf, denn die Lösung kommt halt später.

 

Mit dieser Zeit-Einstellung, somit halt auch ohne Plombe, ohne Visa und auch ohne reparierte Kamera, können wir Ankara in vollen Zügen genießen. Bei unseren Märschen wandeln wir regelrecht durch viele Parkanlagen, trinken herrliche, frisch gepresste Fruchtsäfte, schlendern durch die Altstadt, den Burgberg rauf, schlendern durch weitere Gassen, überqueren wilde Großkreuzungen und wundern uns dabei täglich über das viele Grün in der Stadt. Was uns noch auffällt, die Hauptstädtler sind, ausgenommen der Zahnarzt und der Botschaftsvorzimmerdrachen, ein sehr angenehmer Menschenschlag. Niemand will uns etwas andrehen, aufzwingen oder gar übervorteilen. Die Menschen sind fröhlich, interessiert und sehr hilfsbereit. Ankara gefällt uns.

Spiegelrad
Spiegelrad
Lichter-Brunnenspiel 1
Lichter-Brunnenspiel 1

 

 

Am Abend erscheint uns die Stadt noch schöner, denn jeder Park ist anders beleuchtet. Ein allabendlicher Höhepunkt sind die Brunnen- und Seenlichtspiele, Laser-spiele und die dazu gehörende Musik im Genclik-Park.

 

Es ist immer ein Feuerwerk der Farben, der Klänge und Bilder. Bei diesem Feuerwerk erscheint auch allabendlich Atatürk im Laser- Großformat über dem See. Ich frage mich dabei immer, was würde Atatürk wohl heute zu seiner Türkei, zu seiner Hauptstadt sagen? Ich denke, er wäre stolz. Nur dem Zahnarzt und den Botschaftsvorzimmerdrachen müsste er sich zur Brust nehmen, denke ich zumindest.

Das Visaproblem versuchen wir anders zu lösen. Uns fällt nämlich ein, vor ca. 18 Monaten waren wir doch auf der Touristik- Messe in Berlin. Wir arbeiteten dort einen Tag. Gi kochte da jemenitischen Kaffee und versuchte, den Besuchern das schöne Land näher zu bringen. Auch ich klärte auf und versuchte nebenbei unser Buch ''Grenzenlos'' an den Mann oder die Frau zu bringen. An diesem Jemenstand lernten wir einen Mann kennen, der uns versicherte, wenn ihr wieder ein Visa für den Jemen braucht, so wendet euch an mich.

Also schreiben wir eine E-Mail. Nur Stunden später kommt die Rückantwort. Er wird uns helfen. Wir sollen nur unsere Pässe scannen und dann senden. Er wird einige Tage für die notwendigen Papiere brauchen, dann diese uns senden und damit könnten wir dann einreisen.

 

Da es einige Tage dauern wird, beschließen wir Ankara zu verlassen. Glücklicherweise bietet Türkisch Airlines noch einen Direktflug ab Istanbul nach Sanaa an. Was wir dabei hoffen, die Papiere kommen wirklich bei uns an.  

Bahnhof Ankara
Bahnhof Ankara
Toyota hat auch Pause
Toyota hat auch Pause

 

 

 

Die Türkei ist modern geworden. Seit Juli gibt es einen türkischen ICE. Den probieren wir natürlich aus. Er bringt uns in knapp 4 Stunden von Ankara nach Istanbul. So um die 500 Kilometer sollen es sein. Toyota muss keinen Aufpreis bezahlen. Und wir staunen noch mehr, denn im moderaten Fahrpreis ist ein üppiges Frühstück enthalten.  

Ob ich mein Kameraproblem, auch mein Zahnproblem in Istanbul löse, und ob wir wirklich ein Visa für den Jemen erhalten, erzähle ich im nächsten Teil.

 

Bis dahin,

liebe Grüße,

Wi + Gi

 

 

Stand: Mitte September 2014

Abschied von Ankara
Abschied von Ankara

Istanbul - die nur Schöne?

Ich will es gleich gestehen, wer schöne Bilder von all den Sehenswürdigkeiten Istanbuls erwartet, wird enttäuscht sein. Istanbul kennen wir bereits von einer vorherigen Tour. Da genossen wir, genau wie wahrscheinlich alle Istanbul-Touristen, die vielen Schokoladenseiten der Stadt am Bosporus und lichteten auch all die Postkartenmotive ab (die sind ja aber in jedem Reiseführer einsehbar). Ich mag die gar nicht alle aufzählen. Es sind einfach zu viele. Bereits damals bemerkten wir aber, dass es neben diesen Herrlichkeiten ein Istanbul der zwei Gesichter gibt, ein Istanbul neben dem Touristentraum. Erlebt man beide Gesichter, versteht man dann auch eventuell etwas besser, die in den letzten Monaten oft nicht schmeichelhaften Welt-Nachrichten über die Stadt am Bosporus.

Herausgeputzt und schäbig reichen sich die Hand
Herausgeputzt und schäbig reichen sich die Hand

Zum Verstehen suchen wir uns auch eine Unterkunft nicht in den Istanbuler Nobelvierteln. Wir nächtigen in einem Viertel der weniger, meist gar nicht betuchten Istanbuler. Hier leben neben waschechten Istanbulern auch Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Kurden und viele Afrikaner. Manche haben sich hier für immer eingelebt. Viele warten noch auf ihre weitere Flüchtlingstour Richtung Europa. Es ist jedenfalls ein Völkergemisch, ein Gemisch auch bestehend aus Gerüchen, Farben, Sprachen, auch oft abgewohnten Häusern, meist vollen Müllbehältern und somit eine für uns absolut interessante Andersartigkeit von Istanbul.  

Istanbuler Afrikaner
Istanbuler Afrikaner

Der Vorteil besteht auch darin, dass die Preise in unserem ''Viertel auf Zeit'', noch nicht Touristenversaut sind und es an Nepper, Schlepper und Bauernfänger mangelt. In den Restaurants kann man noch für gut einen Euro satt werden, zumindest wir, denn leider fehlt manchen Viertelbewohnern sogar dieser eine Euro. So bleibt es nicht aus, dass wir statt 2 Portionen, manchmal 3 Portionen bestellen und somit einen Gast am Tisch sitzen haben.

 

Am meisten macht es uns aber Freude unser näheres Umfeld intensiv zu beobachten. Verlieben tue ich mich dabei auch ins rote Kleid unserer Nachbarin.  

Rotes Kleid der Nachbarin
Rotes Kleid der Nachbarin

Natürlich schaue ich nicht nur rotes Kleid, dafür ist die Istanbuler Zeit nun doch zu kostbar. Täglich streifen wir durch die große Stadt. Wir laufen jeden Meter, nehmen keinen Bus oder die Bahn. Wir haben ja Zeit.

 

Wir quälen uns nicht in die Straßenbahn rauf zum Taxim- Platz, denn die ist immer randvoll. Außen festgekrallt, kostet es Übrigens nichts.  

Randvoll
Randvoll

Die Strecke zum Taxim- Platz wird eine unserer Lieblings-Istanbul-Routen, denn man kann diese Route beliebig gestalten. Die Hauptstrecke führt am Galataturm vorbei in eine der vielen, großen, noblen Istanbuler Einkaufsstraßen. Am Ende dieser Nobelstraße liegt der leider in der Zwischenzeit berühmte Platz. Wir wählen aber auch rauf zum Taxim die Wege zwischen verwinkelten Gassen, Häuserschluchten und zum verlaufen, auch geradezu einladende Straßen. Egal wegen Weg wir nun wählen, dort angekommen, finden wir den Platz eigentlich immer irgendwie hässlich. Es ist ein Platz ohne Knallefekt, mit viel Beton und wenig Grün. Es sind sicherlich auch die Nachrichten der letzten Monate, welche für unsere empfundene Hässlichkeit sorgen.

Teil vom Taxim
Teil vom Taxim
Ständig präsent
Ständig präsent

Traurige Berühmtheit erlangte der Taxim durch die Proteste vieler Istanbuler. Vorher war er ein Platz wie viele andere auch. Die Proteste eskalierten. Es gab Tote, Verletzte und viele, viele Schlagzeilen in Europa. Die Polizei und Regierung griff hart durch. Der Streitpunkt? Es ging und geht um die Bebauung des Platzes, somit weiterer nobler Einkaufsstraßen, weiterer nobler Hotels. Die Gegner dieser Pläne wollen den Platz erhalten, wollen den kleinen Park erhalten und wollen symbolisch diesen Platz verteidigen. Dabei geht es, so denke ich zumindest, nicht eigentlich um den Platz. Es geht um die Ausrichtung der türkischen Politik, um Arm und Reich, um Pressefreiheit oder Zensur, um Islamisierung im Sinne von Gestern oder Religionsfreiheit im Sinne Atatürks. Die Polizei ist ständig auf und um dem Platz präsent. Versteckt erspähen wir sie auch in den vielen Gassen.

Regierungsgegner
Regierungsgegner

An einem Tag treffen wir auch auf die Erdogangegner, auf die Regierungsgegner. Sie sitzen im großen Kreis. Jeder liest in einem Buch mit dem gleichen Titel. Sie sprechen kein Wort. Es ist ein lautloser Protest. Bei all diesen Spaziergängen zum Taxim, stoßen wir neben viel Reichtum auch auf viel Armut. Ich kann die Schweige-menschen gut verstehen. Es geht nicht nur um einen Platz. Es geht um viel mehr! Die Schweigemen-schen schweigen auch für die Fah-nenverkäufer, für die vielen Bettler und die vielen Menschen in unse-rem ''Viertel auf Zeit''.

Nicht weit von den Schweigemenschen sehe ich ein Bild bei einem Straßenverkäufer. Ich finde es absolut süß. Es strahlt nur so von Glückseligkeit. Ich denke sofort, dies könnten eigentlich Erdogan, die Schweigemenschen, die Polizei, der Fahnenverkäufer, der Bettler und, und, und gemeinsam in einem Bett sein. Alle in einem Bett und dabei absolut happy. Ach, muss ich doch naiv sein!

Es wäre einfach so herrlich
Es wäre einfach so herrlich

Ach ja, so naiv bin ich nicht immer, denn in Istanbul kann ich meine Kamera verkaufen. Beim Verkauf von meinem Fotoapparat, strahlen meinem gegenüber die Dollarzeichen aus den Augäpfeln, als er meine Canon-Kamera gierig in den Händen hält. Er prüft sie auf Herz und Nieren, gibt sich dabei sehr Profihaft. Sein gebotener Preis ist sehr, sehr schlecht. Also handle ich bis aufs Messer. Irgendwann ziehe ich gedanklich den Sensorwert ab, willige ein, denn ungefähr dieser müsste der Restwert meiner geschädigten Sensorkamera sein. Nur eine Stunde später erhandle ich vom Erlös eine neue Kamera in einem anderen Geschäft. Ich bin zufrieden. 2 Tage später, am Flughafen, erhalte ich sogar die Mehrwertsteuer zurück. Ich bin noch mehr zufrieden!

 

Unser jemenitischer Visafreundbeschaffer hat sich nach einer längeren Wartezeit auch gemeldet. Er sendet uns per E-Mail die vorläufigen Visa für den Jemen. Er hat auch am Sanaaflughafen alles geregelt, schreibt er. Zwei Männer werden uns dort für die endgültige Visaerteilung erwarten. Wir sind happy. Wir buchen einen Flug nach Sanaa. Bei der Visakontrolle am Istanbuler Flughafen wird unser vorläufiges Visa akzeptiert. Gute Arbeit vom Visabeschaffer, denken wir.

Was wir da noch nicht wissen, in meinem E-Mail Postkasten schlummert eine zweite E- Mail. Erst Tage später, wir sind da bereits in Sanaa, lese ich sie: Verschiebt bitte, wenn möglich, euren Flug. In Sanaa ist es zur Zeit sehr kritisch, stand da geschrieben.

Abschied von der Türkei
Abschied von der Türkei

 

Frohgelaunt besteigen wir das Flugzeug. Im Flieger fällt mir mein Plombenloch ein. Das Loch muss noch etwas warten. In Sanaa gibt es ja auch Zahnärzte.

 

Was uns dann wirklich in Sanaa erwartet, erzähle ich im nächs-ten Teil.

 

Bis dahin,

Liebe Grüße,

 

Wi + Gi

 

 

Stand: Ende September 2014

Sanaa - die Vergessene?

Oberlichtfenster Jemen
Oberlichtfenster Jemen

Wir landen in Sanaa kurz nach Mitternacht. Was uns sofort auffällt, nur eine weitere Maschine sichten wir auf dem ganzen Flughafengelände. In der Passkontrollräumlichkeit werden wir nett empfangen. Wie mitgeteilt, warten bereits 2 Männer auf uns. Sie regeln unsere endgültigen Visa.

Wir haben viele Freunde und Bekannte in Sanaa. Natürlich haben wir mitgeteilt, dass wir wieder mal in Sanaa sein werden. Somit sollte die Abholung und unsere Zimmerbuchung kein Problem sein, dachten wir jedenfalls. Doch wir stehen irgendwie verlassen wie Hans und Gretel vor dem Flughafenparkplatz. Erst später erfahren wir, unsere Nachrichten (E-Mail & SMS) sind nicht angekommen. Komisch, aber wahr!

 

Wir warten noch einige Zeit, doch es tut sich nichts. Ein Taxifahrer bietet uns an, in die Innenstadt zu unserer Unterkunft zu fahren. Der Preis ist ungewöhnlich hoch, doch ein weiterer Taxifahrer ist um diese Zeit nicht greifbar und der Fahrer lässt uns wissen, der Weg von ca. 15 Kilometer sei nicht ohne. Ohne bedeutet, an der Strecke gibt es Probleme. Er will es aber versuchen. Nach ca. 3 Kilometern hören wir Schüsse. Dann kommt uns ein Auto entgegen. Der Fahrer gibt Lichthupenzeichen. Beide Autos halten. Die Fahrer reden kurz. An der Strecke wird geschossen, übersetzt mir Gi. Unser Taxifahrer erklärt uns sofort, er fährt nicht weiter. Er lenkt um und setzt uns 500 Meter danach an einem Hotel ab. Ich überschlage den Kilometeranteil vom ausgemachten Preis und lange die Rial rüber. Er will den ganzen vereinbarten Preis. Es gibt kurz Stress. Letztendlich bezahle ich ihm einen satten Gefahrenzuschlag. Ist mir dann auch irgendwie egal, denn einen Taxifahrer mit Kalaschnikow auf dem Armaturenbrett haben wir bisher in Sanaa noch nie erlebt und müde sind wir auch. Weiterer Ärger wäre jetzt nicht gut!

Am Morgen wache ich durch weitere Schussgeräusche auf. Ich laufe zum Fenster und schaue raus. Nordöstlich vom Hotel sehe ich eine dichte Rauchwolke. Aus dieser Richtung hallen auch die Schüsse. Wir müssen Richtung Süden, wenn wir in die Innenstadt wollen. Könnte klappen, denke ich.

Guten Morgen Gi, so einen blöden Empfang hatten wir ja noch nie in Sanaa.

Gibt es Probleme?

Nein, da unten die Leute sind fast wie immer. Die tragen aber relativ viele Kalaschnikows mit sich herum.

Kalaschnikow und Schreibgerät
Kalaschnikow und Schreibgerät

Wenige Stunden später sind wir mit einem weiteren Taxi, vorbei an einigen Kontrollpunkten, in unserer angestammten Sanaa- Herberge angekommen. Sie liegt ideal, nur einen Straßenzug vom Bab al Jemen, dem Eingangstor zur berühmten Altstadt, entfernt.

Sanaa ist zwar die Hauptstadt und hat über 2 Millionen Einwohner, doch Nachrichten verbreiten sich hier immer noch wie auf einem Dorf. Somit hat sich, wie schon immer, auch sehr schnell herumgesprochen, dass wir in Sanaa sind. Ein Freund besucht uns. Er bringt mir eine Kalaschnikow mit und dabei erzählt er, ein anderer Freund habe angerufen und dieser habe die Info unseres Besuches auch von einem Freund. Was er noch erzählt?

Die Situation sei momentan sehr angespannt, deswegen auch die Kaschi und wir sollten lieber mit in sein Haus. Wir lehnen dankend ab, da wir die jemenitische Hausordnung nicht überstrapazieren wollen und die Kalaschnikow wird ja auch für unsere Jemenzeit leider mein ständiger Begleiter sein. Tamam (gut), sagt der Einlader, doch ihr müsst mir versprechen, dass ihr nicht alleine durch die Stadt lauft. Es ist wirklich momentan sehr, sehr problematisch. Wir versprechen es.

Wer ist denn nun Gi?
Wer ist denn nun Gi?

Für Gi scheint dies aber nicht zu gelten, denn in ihrem schwarzen Outfit, so behauptet sie wenigstens – die blauen Augen lassen wir außer Betracht - wird sie eh kaum jemand als Ausländerin, geschweige als Touristin erkennen. Sie läuft fast täglich ins Viertel ihrer Träume (die Altstadt), kauft dort ein, spricht auch mit den Menschen und kommt immer mit leckeren Sachen zurück. Diese Ausflüge geschehen immer Vormittags, denn an den Nachmittagen folgen wir den vielen Einladungen. Natürlich bin auch ich ab und zu mit in der Altstadt unterwegs. Sie ist einfach zu schön, um sie den momentanen Gefahren zu opfern.

Altststadt Sanaa
Altstadt Sanaa
1000 + 1 Nacht
1000 + 1 Nacht

Noch nie haben wir, während all unserer Touren, solch eine Altstadt erleben dürfen. In der Zwischenzeit, wir waren schon sehr, sehr oft da, kennen wir eigentlich jede Gasse dieser Altstadt, die Marktunter-teilungen und somit auch manchen Laden- und Standbesitzer. Die Häuser sind ein Traum aus Ziegelstein, Lehm und den vielen weißen Bemalungen. Bis zu zehn Stockwerke ragen sie hoch in die Luft. Da wundert es natürlich nicht, dass so manches Wolkenhaus windschief erscheint. Es erscheint in Wirklichkeit nicht nur so, es ist manchmal auch so. Aber keine Angst, von einem Einsturz haben wir noch nie etwas gehört. In den Gassen, Sträßchen und Plätzen, spielt sich noch wirkliche Tausendundeine Nacht ab.

Bienenhonighand
Bienenhonighand

 

Da putzen die Silberverkäufer ihr Silber auf Hochglanz, die Geldwechsler geben sich wie immer gelangweilt, die Jambiahersteller werkeln fleißig an den Krummdolchen und den dazugehörenden breiten Gürteln, die Gewürzverkäufer sitzen hinter Bergen von Gewürzen, die Teeverkäufer flitzen durch die Gassen und der Honigverkäufer wirbt auf geniale Art und Weise für seine Leckereien. Nichts hat sich in all den Jahren verändert. Noch immer Tausendundeine Nacht.

An den Nachmittagen sind wir gut aufgehoben. Gi freut sich auf die Frauenrunden. Dabei trifft sie viele Freundinnen und Bekannte der letzten Jahre. Natürlich gibt es da immer viel zu erzählen. Halt die üblichen Frauengespräche.

Ich lausche den Erzählungen der Männer. Halt die üblichen Männergespräche. Die täglichen Nachmittags - Katrunden der Männer (Kat ist ein jemenitisches Rauschmittel) helfen mir, die momentan politischen Verhältnisse im Jemen, einigermaßen zu einzuordnen. Die Huthi – Rebellen (ein schiitischer Stamm aus dem Norden an der Saudigrenze mit ca. 20.000 Mann unter Bewaffnung) belagern schon einige Zeit Sanaa. Der traurige Höhepunkt der Gefechte war in der Nacht unserer Ankunft. Es gab viele Tote und Verletzte in diesen Nachtstunden. Man spricht von 700. Tage später wird ein Friedensvertrag zwischen den Huthis und der momentanen Regierung unterschrieben. Bis auf eine Nacht (solange wir in Sanaa weilen) wird aber jede Nacht weiter geballert. Der Friedensvertrag ist wie immer jemenitisch löchrig. Bei Tag sehen wir die Huthirebellen durch die Stadt ziehen. Sie haben viele Kontrollpunkte errichtet (wir selbst können Sanaa nicht verlassen). Komischerweise wirken sie auf uns recht friedlich. Man erkennt sie an ihrer Kopftuchbindeart sehr schnell. Und natürlich sind sie alle bewaffnet und treten nur in Gruppen auf. Ein generelles Problem ist aber, dass diese Huthirebellen Feinde der sunnitischen Al Kaida sind. Al Kaida hat in den vergangenen Jahren einige jemenitische Landesteile regelrecht unterwandert (bei Anschlägen und Entführungen der letzten Jahre auch Touristen getötet, der Jemen ist momentan sozusagen Touristen-frei). Al Kaida reagiert sehr schnell auf die neuen Machtverhältnisse. Es gibt einige dieser menschenverachtenden Selbstmordanschläge mit vielen Opfern gegen die Huthis. Im Südjemen gibt es zudem Bemühungen einer Abspaltung vom Nordjemen. Somit ziehen Teile der Huthitruppen gen Süden und nehmen die wichtige Hafenstadt Hudeida ein. Tage später unterzeichnen die Rebellen auch mit dem Südjemen einen Friedensvertrag. Zwischen all diesen Machtspielen, spielen weitere Grüppchen und Gruppen, auch einzelne Personen, ihr eigenes Spiel. Also, Chaos in arabischer Reinkultur. Leidtragende sind wie immer das einfache Volk.

Vor ungefähr 10 Jahren wurde ich während einer Katrunde gefragt, wie ich die Zukunft des Jemen einschätze? Meine Antwort war: Wenn die Überbevölkerung nicht gestoppt wird, Katanbau wichtiger bleibt wie Kartoffel oder Gemüseanbau, in Schulen mehr Koranstunden als Mathematik oder andere Fächer gelehrt werden, die Stammesfürsten (davon gibt es reichlich) ihr eigenes Süppchen weiterhin kochen, dann wird es bitter werden. Der Jemen wird weiter verarmen. Dies wird Nährfutter für die Al Kaida sein. Der erfolgreiche Tourismus der letzten Jahre wird versiegen. Und da der Jemen kaum Öl oder andere wichtige geopolitische Schätze hat, wird es der restlichen Welt egal sein.

Nach dieser Antwort ging es dann leider von Jahr zu Jahr wirklich abwärts (hätte es mir wahrlich anders gewünscht) mit dem Jemen. Die gute Zeit (die gab es wirklich, der Jemen war ja bekannt auch unter Arabia Felix -gleich glückliches Arabien) war vorbei.

Nach dem arabischen Frühling (den gab es auch im Jemen), dem Sturz von Präsident Saleh und der weiteren Unterwanderung durch Al Kaida, bleibt nun die Hoffnung, dass Al Houti Änderungen in den Griff bekommt. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zum Schluss, denn es gibt bereits Stimmen, welche Al Houti (die Huthireligion ist eine der vielen schiitischen Ausrichtungen) mit dem Iran in Verbindung bringen, somit die Hoffnung geopolitisch gesehen, auf sehr wackligen Beinen steht.

Bevor es was nettes gibt, versuche ich zu beantworten, warum bereist man solch ein Land überhaupt zur momentanen Krisenzeit?

Es gibt Länder (fast jeder kennt dies irgendwie) die hat man gesehen und kommt einfach nicht mehr los davon. Man mag das Land einfach. Ein Magnet zieht dich somit wieder hin. Es sind die Landschaften, die Menschen, die Kultur und auch so manche Eigenart, welche die Anziehungen erzeugen. Später gesellen sich viele Freunde und Bekannte hinzu. Und bekanntlich besucht man ja Freunde und Bekannte auch in schlechten Zeiten.

Und genau dies, diese Besuche bei Freunden, bei Familien, bei diesen Katnachmittagen mit den Männern, oder den Frauenrunden für Gi, und natürlich auch bei den Streifzügen durch die Stadt, wird einem bewusst, trotz all der momentanen Probleme, war es richtig einzufliegen, denn dein Gegenüber strahlt einfach nur, vergisst für Minuten oder gar Stunden die großen Probleme im Land. Da du das Land magst, fühlst du dich als Teil davon, leidest mit, Stunden oder gar Tage sind aber auch Strahlestunden, auch Hoffnungsstunden!

 

Solche Strahlestunden sind auch immer unsere Besuche auf dem Fischmarkt von Sanaa. Es ist nicht nur der unübertroffene Geschmack der ausgesuchten Meerestiere.

 

Fischverkäufer in Sanaa
Fischverkäufer in Sanaa

So nebenbei erfreut das Herz unglaublich die Zubereitung, denn nachdem man den Fisch frisch erhandelt hat, kauft man danach die Gewürze, das Gemüse und je nach Bedarf die weiteren Zutaten an den unterschiedlichen Marktständen. Mit seinen Tüten läuft man in die Garküche seiner Auswahl, berät mit dem Koch die Zubereitung, bestellt das Ofenbrot und erwartet sehnsüchtig die schnelle Zubereitung all der Köstlichkeiten.

Fischgarküche in Sanaa
Fischgarküche in Sanaa

Schnell geht es garantiert, denn der Fisch wird über offener Teufelsflamme gebraten. Nebenan brutzelt im Rundofen das große, runde Brot. Der Geruch verzaubert die Brotstube, die Fischstube. Die Zutaten wie Tomaten, Gewürze, Zwiebeln und so weiter, werden durch einen Wolf gedreht. Der Tisch wird mit einer Zeitung oder Plastikfolie abgedeckt. Darauf werden all die ausgesuchten, und nun leckeren Sachen serviert. Vorsicht ist dabei oberstes Gebot, denn sehr schnell verbrennt man sich an den ersten Stücken die Finger und den Gaumen.

Glaubt es mir, auch wenn die Zubereitung sehr einfach erscheint, es ist immer ein Genuss der Sinne. Egal wo man im Jemen unterwegs ist, ob in Sanaa, in Taiz, in Aden, auf Sokotra, in Mukalla, die Fischgerichte schmecken überall gleich, überall gleich köstlich.

Bevor wir nach 2 Wochen Sanaa verlassen, besuche ich noch einen Zahnarzt. Der Kerl gleicht einem sibirischen Bär, doch sein Herz und seine Gefühle sind jemenitischer Art. Harte Schale, sehr weicher Kern. Es war mein erster Besuch mit einer Kalaschnikow bei einem Zahnarzt.  

Zahnarztbär + Angsthase
Zahnarztbär + Angsthase

 

 

Die Zahnarztgehilfin nimmt mir gekonnt den schweren Schiessprügel ab. Sie ist es gewohnt, verzieht dabei kein Auge hinter ihrem Schleier, zumindest soweit ich es erkennen kann. Zum Verblombungsabschluss bekomme ich noch eine Rechnung auf Englisch und Arabisch für meine Versicherung im fernen Deutschland.

Während unserer Sanaazeit erhalten wir 2 interessante Mails. Die erste ist ein Arbeitsangebot für Gi und mich. Wir könnten im Oman über die Wintermonate für große deutsche Reiseveranstalter als Reiseführer arbeiten. Wir fühlen uns irgendwie geehrt, doch in diesem Winterhalbjahr haben wir die Pausenzeit schon verplant. Könnte aber eine Option für weitere Winterpausen sein. Die zweite Mail hängt auch mit etwas Arbeit zusammen. Ein Mitarbeiter von Reise Know How, bittet mich, für die Neuauflage des sehr erfolgreichen Weltfahrradführers, den Artikel zum Jemen zu überarbeiten. Erst lehne ich ab, doch dann wird mir bewusst, wie wichtig für Weltenradler aktuelle Infos zu einzelnen Ländern sind. Wir hatten den Führer während unserer Welttour auch in den Taschen. Also überarbeite ich. Es gibt somit neben Katnachmittagen, Frauenrunden, Fischmarktbesuchen, Zahnarztbesuch, Altstsadtbummeln und, und, und, noch weiteres zu tun.

Wir lieben den rustikalen Jemen
Abschied: Wir lieben den rustikalen Jemen

Schweren Herzens, sowie mit einer neuen Plombe im Mund, verlassen wir Sanaa. Sanaa – die Vergessene? Auf unseren Touren haben wir viele Menschen kennengelernt. Ein großer Teil kannte nicht den Jemen, geschweige denn Sanaa. Menschen die aber in Sanaa waren, schwärmten uns was vor. Wir selbst können Sanaa natürlich nicht vergessen, gerade in schwierigen Zeiten sind die Gedanken weit öfters dort.

 

Wie unsere Winterpausentour weiter geht, verrate ich im nächsten Teil.

 

Bis dahin, liebe Grüße, Wi + Gi

 

Stand: Mitte Oktober 2014

Buch - Abgelatscht

Abgelatscht - 5740 Wanderkilometer durch 11 Länder - Wi + Gi Hofmann
Abgelatscht - 5740 Wanderkilometer durch 11 Länder - Wi + Gi Hofmann

Buch - Grenzenlos

Grenzenlos  -  Mit dem Fahrrad 4 Jahre um die Welt - Wi + Gi Hofmann
Grenzenlos - Mit dem Fahrrad 4 Jahre um die Welt - Wi + Gi Hofmann
Mit Wägelchen 11 Länder - 5.740 km
Mit Wägelchen 11 Länder - 5.740 km
Oman Fischer
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Oman/Jemen Leeres Viertel
Oman/Jemen Leeres Viertel
Tempelbaumblüten
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Afrika - Strahlende Kinderaugen
Afrika - Strahlende Kinderaugen
Indien Taj Mahal
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Iran
Iran
Mit der Enfield durch Indien
Mit der Enfield durch Indien
Mein Steg, mein Strand, mein Meer
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Kurdische Lebenslinien - Iran
Kurdische Lebenslinien - Iran
Mondsichelstürmer
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Spiegelung
Spiegelung
Die Sonnenfängerin
Die Sonnenfängerin
Wanderung Neuseeland
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Beim Straßenzahnarzt in Indien
Beim Straßenzahnarzt in Indien
Kappadokien
Kappadokien
"Leeres Viertel"
"Leeres Viertel"
Hahn im Korb - Oman
Hahn im Korb - Oman
Neuseeland
Neuseeland
Australien
Australien
Indien
Indien
Bayrischer Wald
Bayrischer Wald
Weg in den Nebel
Weg in den Nebel