Jemen - Insel Sokotra - 2010

Armut, Stolz und Würde

Unser Traumstrand
Unser Traumstrand

Den Namen Sokotra, kennen wir selbst schon lange, doch so eine richtige Vorstellung was uns da wirklich erwartet, haben wir eigentlich nicht, denn nur sehr wenig haben wir bisher darüber gelesen oder gehört. Beim Start ist alles noch ein Geheimnis für uns. Bestenfalls wird dieses Geheimnis bekleidet von Wunschgedanken der guten Art und der damit verbundenen Hoffnung auf Erholung nach den oftmals recht harten Afrikatagen.
Wird sie eine neue Liebe? Wird sie eine Enttäuschung oder ein Mix aus langweiliger Normalität? Wer ist sie denn eigentlich?
Sie ist eine Insel! Sie gehört zum Jemen! Sie kennt kaum jemand und dies hat seine Gründe!
Wer würde auch vermuten, dass sie, so nahe an Afrika gelegen, zum Jemen gehört? Sie liegt nur gute die 100 km vor der somalischen Piratenküste und ist vom eigentlichen Mutterland fast 300 km entfernt.
Bevölkert wurde sie von Ostafrika aus. Die Alten sprechen noch heute manchmal eine äthiopisch klingende Sprache und auch manche Schriftzeichen erinnern ordentlich ans äthiopische und somit orthodoxe Kernland. Mit Orthodox ist aber schon lange nichts mehr, denn in der Zwischenzeit hat zu hundert Prozent Allah die Insel im Griff.
Bei den Begriffen wie Piratenküste, äthiopisches Kernland und Jemen, könnte man nun voreilig vermuten, die Insel kann nur eine Enttäuschung werden, denn das hauptsächlich orthodoxe Äthiopien war für uns recht Fahrradradelrustikal, die nahe somalische Piratenküste verspricht zwangsläufig nichts Gutes und das eigentliche Inselmutterland, stolpert ja seit längerer Zeit, von Problem zu Problem, von Krise zu Krise. Was mache ich nun? Es gibt nur eine Möglichkeit. Ich muss mich intensiver zu positiven Gedanken flüchten.
Touristisch soll sie fast noch unberührt sein! Sie ist ein Geheimtipp für Inselfreunde, Naturfreunde und Erholungssuchende. So steht es zumindest im wenig geschriebenen. Auf den 100 mal 50 Kilometern Inselfläche leben keine 50 tausend Menschen. Sie versuchen irgendwie zu überleben, den Monsunen zu trotzen und ernähren sich hauptsächlich vom Fischfang.
Das reicht mir nicht. Ich denke positiver. Weihrauchbäume, Drachenblutbäume und vor allem unendlich, erscheinende Sandstrände soll es geben. Sokotra ist zudem noch ein weißer Fleck auf den Touristenkarten weltweit, liegt noch immer als vergessene Insel im ewigen Blau des indischen Ozeanes.
Zu Fuß wollen wir die Insel erkunden. Nur mit den Rucksäcken. Geradelt sind wir in Afrika genug, beschließen wir.

Zu Fuss wollen wir die Insel erkunden
Zu Fuss wollen wir die Insel erkunden


Auf der Stichstraße zur Inselhauptverbindung brennt die Sonne gnadenlos. In östlicher Richtung lässt sie den Mashanig, es ist der höchste Inselberg mit über 1500 m Höhe, erstrahlen. Im Schutz des Berges liegt der Inselhauptort. Kleine Häuser ziehen sich da entlang der einzigen Straße oder ducken sich versteckt in Palmenhainen am weiten Strand.
Wir aber laufen in die entgegengesetzte Richtung, einfach immer der Straße entlang. Ein genaues Tagesziel haben wir nicht. Wir lassen uns treiben. Links von uns zieht sich das Bergmassiv gen Westen und von rechts ist das ferne Singen der Meereswellen zu hören. Am späten Nachmittag stehen wir auf einem Hügel bei der Ortschaft Qalansiyah, am Westende der Insel.
„Hast du so was schon gesehen?“
„Wau! Oh mein Gott, ist das schön hier“, dabei läuft Gi einfach weiter. Ich bleibe noch lange stehen und schaue.
Vor mir liegt einer der herrlichsten Strände, den ich je gesehen habe.

Traumstrand
Traumstrand


„Hier spielt das Meer mit dem Sand. Es zaubert farbenfrohe Lagunen, Sandinseln und Badelöcher hervor. Der stetige Wind spielt auch mit. Sanddünen erschafft er, lässt sie das wandern und Höhen von über hund-ert Meter erobern.“, geistert es mir durch den Kopf.
Fische sind das Überleben der Inselbewohner. Auch wir Überleben mit täglichem Fisch.

Wer fängt muss auch putzen
Wer fängt muss auch putzen


So vergehen die Tage in absoluter Friedfertigkeit, auch mit der erfolgreichen Suche nach neuen Sand-Wasser- Übernachtungspielplätzen, dem erkunden der Inselschönheiten und den Überlegungen zu den armen, freundlichen und hilfsbereiten Inselbewohnern.
Alle sind irgendwie gleich, gleich arm, gleich lieb und warmherzig.
Oft lassen wir unser Zelt und alles was dazu gehört, ohne Aufsicht. Unvorsichtig von uns, nein, denn niemand geht auch nur in die Nähe vom Zelt. Nur wenn wir da sind, nähert sich so mancher. Dabei fragt er aus anständig, erscheinender Entfernung, „Darf ich zu euch kommen? Darf ich mich setzen? Störe ich nicht?“
All dies tut der Seele gut, reinigt und heilt auch so manche Wunden.
An einem Strand, wir nennen ihn den Muschelstrand, umbaut Gi unsere Zeltfestung mit tellergroßen Muscheln.

Muschelstrand
Muschelstrand


Zwei Stunden schleppt sie die Großen heran, platziert sie als Hauseingang, als Kochbereich, als unsere Grundstücksgrenze und als gewünschten Vorgarten. Die kleinen Brüder und Schwestern der großen Muscheln sind viel farbenfroher und dienen zum Verzieren der Zwischenräume unserer Muschelvilla im Sand, unserer Muschelvilla im Sand erschaffen, auf Zeit erschaffen.

Die Schwestern und Brüder
Die Schwestern und Brüder


Am Muschelstrand verarbeiten die Fischer einen drei Meter langen Hai. Ich schaue mir den großen, verrosteten Haken an, welcher den ehemals stolzen Fisch so entstellt.
„Die Menschen leben hier vom Fisch. Auch Haie essen wir. Mindestens zwei Tage müssen wir den Hai wässern. Erst dann ist Haifleisch genießbar“, erklärt man mir.
Delfine sehen wir weit draußen.
„Die haben es gut. Sie können springen, lustig sein und vielleicht die zwei Komischen bei ihrer Muschelburg beobachten. Sie haben keinen Haken im Maul“, sage ich zu Gi. Doch in der Nacht werden sie uns nicht sehen, denn unser tägliches Lagerfeuer lassen wir immer nur bis kurz vor Sonnenuntergang brennen. Eigentlich schade, schade für die Delfine und natürlich schade für uns, denn ein Lagerfeuer in der Dunkelheit macht ja nicht nur Kindern Freude und Spaß. Wir hören aber auf die mahnenden Worte der Inselbewohner: „Lagerfeuer sind in der Nacht wie Leuchttürme, gut sichtbar, weit sichtbar und somit verräterisch“, sagen sie uns öfters.
„Gibt es böse Menschen hier?“, fragen wir nur einmal.
„Nur selten passiert es. Doch es passiert, auch wenn unsere Insel eine arme Insel ist, eigentlich nichts zu holen ist, nur der Inselfriede gestört wird und die Beute, wenn überhaupt, nur sehr klein sein kann. Nur selten passiert es, doch es passiert, dass die somalischen Piraten die Insel betreten.“
„ Ich dachte immer, Piraten haben eine Piratenehre, schonen die Armen und rauben nur die Reichen aus.“
„Dies war sicherlich vor langer Zeit mal so, denn irgendwie kann ich mich erinnern, es so als Kind gelesen zu haben. Die Zeiten ändern sich halt nicht immer nur zum Guten. Was gilt da heute noch die so ehrwürdige alte Piratenehre“, scherze ich mit Gi.
In den Inselbergen schlagen wir den Piraten aber ein Schnippchen. Wir sind da viel zu weit oben, zu weit weg vom goldigen Strand. „Tausend Meter müssten die da erst rauf. Das schafft kein Pirat in einer Nacht, stimmt es Wi?“
Unser verräterisches Weit- weg- Feuer, brennt lange in der Nacht zwischen Felsbrocken. Den Platz zu finden war schwierig, denn Stein streitet sich hier mit Stein um genügend Platz. Nur vier Quadratmeter, ohne sich streitende Steine, hätten für unser Zelt gereicht. Wir sind aber nicht böse mit dem Berg und seinen Steinen, denn der Berg schenkt uns doch noch eine Möglichkeit. Er schenkt uns einen Baum. Ein Baum, erschaffen wie für unsere Hängematte, ist das Geschenk.

Piratensicherer Feuerplatz
Piratensicherer Feuerplatz


Dicht daneben finden wir noch Platz für den meinen Schlafplatz, finden Platz auch für die Feuerstelle.Von meinem Schlafplatz blicke ich in die Nacht, spüre dabei nicht die steinige Bergerde, denn wir haben den Platz gut ausgepolstert. Das Zelt dient mir diesmal als Kopfkissen. Im Schein des Lagerfeuers wirkt Gis Hängemattenplatz wie ein Geisterschiff, fast wie ein Piratenschiff in dichten Nebeln. Zwischen Steinen, Bergen, Meer und Sand verbringen eine unglaublich glückliche Zeit. Sokotra ist wie eine Erholungskur für unsere Seele.
„Zu verdanken haben wir dies in erster Linie den armen, stolzen und würdevollen Inselbewohnern“, stellt Gi am letzten Abend fest.

Gleich arm, gleich gut, gleich warmherzig
Gleich arm, gleich gut, gleich warmherzig


„ Armut haben wir auf unserer Tour schon oft erlebt“, sagt sie und fährt fort. „Das überraschende für mich dabei? Armut zeigt sich weltweit sehr unterschiedlich. Es gibt bittere Armut, hässliche Armut, gefährliche Armut, würdig gelebte Armut, stinkende Armut, gut riechende Armut und all die unterschiedliche Armut ist zudem oft surreal versteckt zwischen herrlich, erscheinenden Landschaftsbildern, Landschaftsbildern welche die Armut nicht offen zeigen will, sie auch verniedlicht und sie somit oftmals, wie von einer Spinne eingewebt, daherkommt. Armut gibt es auch in Deutschland, auf allen fünf Kontinenten und kann, wenn es auch einen definierten, weltweiten Armutsbegriff gibt, unterschiedlicher nicht sein. Ja, wir haben Armut sehr breitgefächert erlebt. Geht aber Armut, Würde und Stolz da noch irgendwie zusammen? Gibt es dies überhaupt? Verliert man als armer Mensch, als armes Volk, als armes Land nicht letztendlich auch seine Würde und den Stolz?“, fragt sie.
„In der Regel ist dies so. Die Krake Armut vernichtet alles und somit bleiben auch meist die Würde und der Stolz auf der Strecke. Die Armut riecht dann übel, erzeugt Krankheiten, erzeugt Gewalt und nimmt sich stückchenweise letztendlich auch die Würde und den Stolz. Was mich aber interessiert, warum scheint dies hier anders zu sein?“
Lange überlegen wir, lange reden wir darüber.
„Es liegt sicherlich ein wenig an der Religion, ein wenig an der Abgeschiedenheit von der Insel und auch ein wenig an der fast touristischen Unberührtheit. Doch es muss was anderes geben! Was viel entscheidenderes“, versuche ich Gi anzuspornen.
„Ich kann mir keinen Reim daraus machen, was ein Hauptgrund sein könnte!“
„Gi, ich frage mich manchmal, ob es abgeschiedene Gruppen von Menschen gibt, bei denen über viele Generationen nur das gute, liebe, und warmherzige, trotz widriger Lebensumstände, weitergetragen, vererbt oder auch gelehrt wird? Die australischen Aborigines kommen mir dabei in den Sinn, denn bevor die Engländer ihnen den Stolz und die Würde nahmen, waren sie ein Volk von meist glückseligen, sehr friedfertigen Menschen, unter für uns heute kaum vorstellbaren widrigen Lebensumständen.“


„Wi, ich glaube, ich weiß jetzt, woran es liegt! Hier auf Sokotra fehlt der Gegenspieler der Armut - es ist der Reichtum.“

Unvergessen
Unvergessen


LG, Wi + Gi grenzenlos

 


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