Äthiopien - Teil 2

 

Lucy ist an allem Schuld

Von Lalibela aus versuchen wir weiterhin mit unterschiedlichsten fahrbaren Untersätzen unsere Tour fortzusetzen. Natürlich klappt dies irgendwie. Jedoch ist immer viel Zeit nötig, denn fahrbare Untersätze sind noch immer außerhalb der Hauptstadt Mangelware.

Bus kaputt - Zwangspause
Bus kaputt - Zwangspause

Und immer wenn Mangelware herrscht, ist dafür die Nachfrage besonders groß. In jedem fahrbaren Untersatz, ob nun groß oder klein, herrscht ordentlich Gedränge. Keine gute Option für Menschen mit Platz- oder Berührungsängsten. Wir haben zum Glück diese Ängste nicht.

Platzangst?
Platzangst?

Besonders Gi empfindet die Holperfahrten immer als sehr interessant. Sie mag die Zwangspausen, wenn es eine Reparatur gibt. Sie mag die Pausen, wenn eine Rast eingelegt wird. Sie mag die vielen Unterhaltungen im Gefährt. Sie mag auch die Nüsschen und das Zuckerrohr, welches regelmäßig angeboten wird. Sie mag das geordnete Chaos. Sie mag nur nicht, wenn uns die Helfer der Buspiloten, nämlich die Kassierer, zu viele Münzen oder gar Scheine berechnen wollen. Deshalb fragt sie immer die Einheimischen, was der richtige Preis ist. In der Regel sind die Kassierer ehrliche Typen, jedoch gibt es auch unter ihnen sehr clevere Trickser. 

Ich interessiere mich da mehr für die Technik. Hoffe die Stoßdämpfer halten durch, hoffe die Ziegen und Schafe auf dem Busdach mögen überleben und hoffe unsere Rucksäcke fallen nicht vom Dach oder aus den rustikalen Schließfächern.

Fast frische Luft gibt es am Tanasee. Er ist der größte Hochland- See Äthiopiens auf ca. 1800 Metern. Gespeist wird er von vielen kleinen Flüssen. Dazu gehört auch der Tinish Abay. Und dieser ist der eigentliche Quellfluss vom Blauen Nil. Berühmt ist der See auch wegen seiner vielen Inselklöster. Natürlich schauen wir uns diese an.

Inselkloster
Inselkloster

Weit interessanter finde ich aber die vielen Papyrusboote. Noch immer benutzt man sie zum Transport von Waren. Da wundert man sich nur, denn die sehr leichten Boote tragen unglaublich viel Gewicht. Zwischen 2 und 10 Meter sind sie lang. Die großen werden mit bis zu einer halben Tonne beladen. So mancher Inselbewohner muss sein Schilfboot fast täglich benutzen, denn auf den Inseln gibt es keine Schule. Die Mädchen und Jungs sind sehr mutig. 

Sehr mutig
Sehr mutig

Mut gehört schon dazu, mit solch einem kleinen Papyrusboot übers Wasser zu gleiten. Es gibt nämlich zudem auch Nilpferde im See. Und Nilpferde können wirklich sehr gefährlich sein. Um sie nicht zu reizen, ist Abstand die wichtigste Überlebensregel. Und dies ist ernst gemeint. 

Abstand ist sehr, sehr wichtig
Abstand ist sehr, sehr wichtig

An den Nilfällen, sie sind nur ca. 35 Kilometer vom See entfernt, möchten wir das "Dampfenden Wasser“ sehen. Viel ist nicht mit dampfen, denn es ist gerade Trockenzeit und das nahe Kraftwerk pocht zudem auf sein Wasserrecht. Egal, die „Schrumpffälle“ sind ja trotzdem irgendwie schön anzuschauen.

Die nicht dampfenden Fälle
Die nicht dampfenden Fälle

Und mir fällt beim Betrachten der nicht großartig dampfenden Fälle ein, dass von hier aus schon sehr mutige Niltouren von Abenteurern unternommen wurden. Rüdiger Nehberg gehört dazu. 1975 fuhr er gemeinsam mit Freunden auf einen Floss den Nil entlang. In der wirklich gefährlichen Nilschlucht kam es dabei zu einem noch weit größeren Problem. Bei einem Überfall wurde einer seiner Freunde durch einen Schuss tödlich getroffen. Über 40 Jahre ist diese Traurigkeit nun her. Was mich aber am nächsten Tag wundert, noch immer steigen hier bewaffnete Männer in Autos, Minibusse und auch große Busse.

Bewaffnet
Bewaffnet

Während unserer Weltradeltour wurden wir damals hier in der Gegend öfters gewarnt. Passt auf euch auf, war ein gängiger Satz. Zum Glück hatten wir aber keine größeren Probleme bezüglich Schießprügel. Mit Steine werfende Kinder waren unser größtes äthiopisches Radel- Problem. Nicht angenehm damals, jedoch irgendwie händelbar.  

Diesmal wirft uns niemand mit Steinen. Egal, wo wir auch entlang des Nildurchbruchs auftauchen, die Kinder sind nett.

Sie sind nett
Sie sind nett

Und da sie nett sind, sind natürlich auch wir sehr nett. Immer haben wir viel Spaß zusammen. Der tägliche Höhepunkt, bei irgendwelchen zufälligen Dorfbegegnungen, sind immer Gis Fingerspiele. Sie wollen es wissen, probieren bis die Finger eigentlich schon keine Lust mehr dazu haben. Es sind Kinder, Kinder wie überall auf der Welt. Es ist leicht Kindern eine Freude ohne Geldaufwendung zu bereiten. 

Fingerspiele
Fingerspiele

Die Fingerspiele begleiten uns bis nach Harar. Harar mögen wir sehr, denn die Stadt ist eine farbenfrohe Stadt mit Pferdekutschen, quirligen Märkten, alten Kirchen, alten Moscheen und sie hat eine ganz besondere Altstadt. Diese ist von einer dicken Mauer umgeben. Und da eine Mauer um eine Stadt eigentlich afrikanisch sehr untypisch ist, ist schon diese Mauer ein Anziehungspunkt der ganz besonderen Art. Auf nur ca. 1 Quadratkilometer Ummauerung leben zudem um die 40.000 Menschen. Acht Tore dienen als Einlass.

Marktmädchen in Harar
Marktmädchen in Harar

Früher wurden die Tore in der Nacht verschlossen. Dies hatte einen ganz besonderen Grund. Nachts kamen nämlich die Hyänen an und in die ummauerte Stadt. Sie waren sozusagen die natürliche Müllabfuhr. Löcher, welche zur Entwässerung dienten, wurden als Hyänen- Schlupflöcher benutzt. Da die Müllabfuhr auch in der heutigen Zeit mit Mängel behaftet ist, schleichen noch immer Hyänen nachts in die Stadt. Einige konnten wir von unserem Zimmer aus beobachten. Bei Tag sind die Menschen zum Glück aber die Hauptattraktion in der ummauerten Stadt. 

Ganz Alt- Harar ist ein Markt
Ganz Alt- Harar ist ein Markt

In einer der Gassen - es ist die Gasse der Schneider - fällt mir ein Junge auf. Ich beobachte ihn lange. Was mich fasziniert ist sein fröhlicher Gesichtsausdruck. Trotz viel Arbeit in seinem Alter wirkt er nicht traurig, nicht gelangweilt und auch nicht fehlplatziert. Er scheint einfach zu seiner Nähmaschine zu gehören. 

Seelenverwandt?
Seelenverwandt?

Er ist mit ihr verbunden. Seelenverwandt fällt mir da nur ein. Wenn Seelenverwandt, dann kann es ja auch nicht schlecht sein, versuche ich mir einzuhämmern.

Kinderarbeit ist in Äthiopien keine Mangelerscheinung, leider! Jedoch scheint es da gewaltige Unterschiede zu geben, denn abgemagerte Kinder in Steinbrüchen, ausgemergelte Mädchen auf Baustellen oder Kleinkinder beim Steine klopfen, haben schon oft unsere Gehirnzellen in Äthiopien malträtiert. Zumindest rede ich mir bei diesen Gedankengängen da noch die quälenden Unterschiede ein.

Ich frage ihn, ob ich einige Fotos machen darf. Er freut sich darüber, willigt lächelnd ein. Ich bin fasziniert von seinen flinken Fingern, von seinem Umgang mit der großen Schere und dem dabei stetigen und somit stetig glücklichem Gesichtsausdruck.

Erst am Abend, beim beschauen der Bilder, wird mir bewusst, dass diese Seelenverwandtschaft keine sein kann, keine sein darf, denn das Porträtfoto lässt mich erneut überlegen. Er ist und bleibt nur ein kleiner arbeitender Junge. 

Er ist nur ein kleiner Junge
Er ist nur ein kleiner Junge

Äthiopien ist kein einfaches Reiseland für den Kopf. Armut, Ungerechtigkeiten und Widersprüche sind überall sichtbar. Dies gilt auch für Harar. Elendsviertel umklammern die Stadt. Bettler gehören zur ganz normalen Stadtansicht. Die Wasserversorgung der Stadt ist ein großes Problem. Viele Menschen haben keine Bleibe. Sie schlafen auf der Straße. 

Viele haben keine Bleibe
Viele haben keine Bleibe

Wenn uns all diese Traurigkeiten an so manchen Tagen regelrecht überhäufen, so reden wir darüber. Wir reden über den Sinn der Welt, und somit auch über den Sinn der Menschheit. Seit wir im Museum in Addis Abeba, Lucy einen Besuch während unserer Weltradeltour abgestattet hatten, neigt Gi dazu, Lucy alle Schuld am Elend unserer Erde zu geben. Sie sagt dann immer, Lucy ist an allem Schuld. Hätte es Lucy nicht gegeben, gäbe es viele Probleme auf der Erde nicht.

Lucys Skelett wurde 1974 in der Danakil- Ebene ausgebuddelt. Um die 3 Millionen Jahre soll sie alt sein. Das Besondere an ihr? Die kleine (105 cm klein) Lucy lief aufrecht.

Und Gi behauptet nun, ab da begann das Elend, denn Lucys Clan sind unsere Vorfahren. Wir sind sozusagen alle Kinder von Lucy. Sie ist unsere Ur, Ur, Ur … Großmutter. Womit Gi natürlich nicht ganz Unrecht hat, denn die Bevölkerung unserer so geliebten Erde, hat ihren Ursprung genau aus diesem Grabenbruchgebiet. Die Lucys wanderten in die Welt. Ich könnte auch schreiben, eigentlich sind wir alle Äthiopier.

Das Lucys Wanderdrang die Erde so tiefgreifend verändern würde, wusste sie bestimmt nicht, denn über den Sinn der Menschheit auf unserer Erde, wurde damals sicherlich bei Familientreffen nicht gesprochen. 

Was mir aber bewusst ist, dass Lucy bestimmt nicht unbedingt sehr stolz auf ihre Ur, Ur, Ur … Enkel sein würde, denn das was uns Lucy schenkte, nämlich die Möglichkeit unser Dasein im Einklang mit unserer geliebten Erde zu erleben, wird aus unterschiedlichsten von Menschen gemachten Gründen immer mehr zerstört.

Trotz all dieser von Menschen gemachter Probleme, liebe ich die Welt noch immer, besonders nach leichten Phasen der Resignation. Auch ich bemühe dann nämlich immer Lucy. Jeder braucht halt auch irgendwie seinen eigenen Scherz- Schmerz- Prügelknaben. So auch geschehen an einem Morgen, als wir bereits auf dem Rückweg nach Addis sind.

Ich verlasse mit Gi unser preiswertes Hotel in der Stadt Adama. Wir wollen nur schnell über die Straße, denn da befindet sich direkt gegenüber ein Geldautomat. Mit frischem Geld in der Börse wollen wir die Hotelrechnung begleichen und uns danach gleich einen Bus nach Addis greifen. Halb auf der Straße, legt ein großer Bursche seinen Arm um meine Schulter, drückt mir dabei irgendwie kräftig in den linken Arm und schreit mir was ins rechte Ohr.

Instinktiv greife ich mit der rechten Hand hoch zu meinem linken Arm. Dort angekommen, lässt er mich auch schon los. Sonderbar, denke ich. Ich laufe nur um die 5 Schritte weiter, da sagt mir mein Gehirn, Junge greife doch sofort in deine rechte Hosenbeintasche. Ich greife. Ich spüre nichts. Komisch denke ich, da müsste doch meine Geldtasche drin sein. Die hatte ich noch im Zimmer in die rechte Hosenbeintasche getan. Es sind ja nur wenige Meter bis zum Automat. Und da passiert nichts, war meine Eingebung. Da auch Eingebungen täuschen können, suche ich mich selbst ab, greife in alle Taschen. Um die Selbstleibesvisitation ja auch ordentlich zu beenden, entledige ich mich meines Hüftgürtels. Da sind mein Pass drin, zwei Geldkarten sowie Scheine in Euros & Dollars und auch andere wichtige Papiere. Der Gürtel ist immer unter der Hose platziert. Da muss einer schon tüchtig an die Wäsche um den zu bekommen. Die Börse ist natürlich nicht im Hüftgürtel.

Sofort schaue ich nach dem Kerl. Ich sehe viele Menschen. Nur den Kerl sehe ich nicht. 15 Sekunden reichen um sich in Luft aufzulösen.

Gi war hinter mir. Ein zweiter Stinkstiefel hat sie geschupst. So hat sie nicht mitbekommen, was da eigentlich lief.

Gi, meine Geldtasche ist geklaut.

Gibt es nicht. Schau nach in all deinen Taschen.

Die ist weg, glaub es mir.

Für mich bricht eine Welt zusammen. Ich stehe da wie ein Depp. Lasse mich beklauen.

Es ist ein schlechter Morgen.

Drei Stunden später sitzen wir in einem Freiluftresto. Uns gegenüber sitzt ein Mann. Er schlürft an seiner Limo. Er gefällt mir. Ich lichte ihn ab. Er freut sich. Oft drücke ich den Auslöser. Ich muss mich einfach ablenken.

Er schlürft an einer Limo
Er schlürft an einer Limo

Bei der Polizei lief alles ab wie erwartet. Unser Fall kommt handschriftlich ins Märchenbuch, wird dort für immer bleiben und nie ein Häkchen als erledigt bekommen.

Ich ärgere mich über mich selbst. Ich, der dachte, mir kann so was nicht passieren, falle auf diese Schurken rein. Ich fühle mich als Greenhorn, als Verlierer, als absolut grüner Grünschnabel. Nur eines wäre nötig gewesen, um den Diebstahl zu verhindern. Ich hätte, wie ich es sonst immer tue, alles in meinem Hüftgürtel direkt am Körper unter dem Hosenbund aufbewahren müssen. Der Dieb hätte ins Leere gegriffen. Absolut sicher wäre er leer ausgegangen. Eigentlich ganz einfach.

Wir verlassen das Restaurant. Nach nur ungefähr 50 Metern spüre ich einen Druck auf meiner Schulter. Alle Alarmsignale durchzucken meinen Körper. Ich drehe mich blitzschnell um, hebe meinen Arm zur Abwehr. Fehlalarm signalisiert mein Gehirn sofort, denn ich schaue in ein verwundertes Gesicht. Es ist der Limo- Mann. Er gibt mir meine Kamera, welche ich vor lauter Lucy- Klauerklärungen vergessen habe.

 

Er bringt mir nicht nur meine Kamera zurück, er bringt mir auch den menschlichen Sonnenschein zurück. Ich bin happy. Lucy ist an allem Schuld, flüstere ich Gi ins Ohr. 

Netter Junge in Addis
Netter Junge in Addis

Drei Tage später sitzen wir im Flieger. Der Abschied von Äthiopien fällt uns nicht leicht. Wir mögen das Land, denn Äthiopien ist immer für Überraschungen gut. Hat Lucy dafür gesorgt? Keine Ahnung! Ist auch egal. Wir freuen uns aufs nächste Land. Es wird die Türkei sein. Dort wollen wir unsere etwas längere Tour gemütlich ausklingen lassen. Die erhoffte Gemütlichkeit wird zum Alptraum werden. Im Flieger wissen wir dies natürlich noch nicht. So genießen wir, völlig entspannt, den guten Service von Türkisch Airline und freuen uns auf eines unserer Lieblingsländer.

 

Zum Türkeibericht (Gefängniszeit in der Türkei) einfach Link folgen: Gefängnis Türkei 

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