Türkei zurück

Erst Langsamkeit, dann plötzlich Gefängnis

Die Türkei- Tour beginnt wie jeder Abschnitt unserer bisherigen längeren Reise. Wir sind happy. Das schöne Äthiopien liegt hinter uns, die von uns so sehr geliebte Türkei liegt vor uns. Hier wollen wir unsere 2 jährige Erlebniswelt sehr, sehr langsam ausklingen lassen. Sehr langsam bedeutet, wir möchten per Auto die türkischen Landschaften im Schneckentempo inhalieren. In der Langsamkeit  liegt für uns immer ein großer Segen, denn die Langsamkeit eröffnet Einsichten, Gedanken und  Gefühle der ganz besonderen Art. Langsamkeit ist somit auch immer Luxus für uns. Und Langsamkeit benötigt Zeit. Gute 6 Wochen Zeit liegen vor uns.

Landschaften im Schneckentempo erleben
Landschaften im Schneckentempo erleben
Altstadt von Antalya
Altstadt von Antalya

In Antalya suchen wir uns eine Unterkunft in der bezaubernden Altstadt. Es fällt nicht schwer eine zu finden. Wir bemerken sehr schnell, dass die Gassen der Altstadt fast menschenleer sind, in den Restaurants gähnende Leere herrscht und wir ständig ange-sprochen werden, ob wir denn ein Zimmer suchen.

Unser Vermieter ist glücklich, dass wir gleich für 3 Nächte bleiben wollen, denn so hat er wenigstens eines seiner 10 Zimmer für die nächsten 3 Nächte an den Tourist gebracht. Und wir sind glücklich, denn wir haben ja den Luxus der freien Zimmer- Auswahl. Gemeinsam suchen wir Glücklichen das schönste Zimmer aus. Und da wir Glücklichen ja alle Zeit haben, frage ich den Vermieter, warum sind denn so wenig Touristen in Antalya?

Das Glück hat uns verlassen, gibt er mir zu verstehen. Die Glücks- Töter sind sehr vielfältig. Nicht nur ein Drachen speit Feuer. Die Kurden, die Russen, die EU, die Terroristen, die ISIS, die Bombenleger, die Merkel, die vielen Flüchtlinge, der Krieg in Syrien, und …

Und wer?

Du weißt schon wen ich meine, spricht er sehr leise.

Erdogan?

Er sagt nicht ja. Er nickt nur.

Der Küste entlang, rauf nach ...
Der Küste entlang, rauf nach ...

So verbringen wir die Tage in Antalya mit viel Langsamkeit, bestaunen täglich unsere verträumte Domizil- Aussicht, schlemmen in menschenleeren Restaurants, bestaunen die vielen neuen Häuser der Großstadt, schlendern durch die Altstadt, schlendern zum Hafen, schlendern, schlendern, schlendern und suchen uns so nebenbei einen fahrbaren Untersatz.

Man spricht Deutsch in der Autovermietung. Auch hier ein Klagelied auf die feuerspeienden Drachen. Erst als ich den Mietzeitraum preisgebe, versprüht der Vermieter einige Glücks-hormone. 6 Wochen möchten wir, sofern der Preis stimmt, seine Karre mieten. Irgendwann stimmt dann tatsächlich der Preis.

Wo wollt ihr eigentlich hin?, fragt er.

Der Küste entlang, rauf nach Anatolien, zum Nemrut Dag, rüber zum Schwarzen Meer, da wo es halt schön ist. Wir haben ja Zeit. Wir wollen uns treiben lassen.

 

Gut so. Fahrt aber bitte nicht nach Diyarbakir, denn dort ist es wirklich gefährlich. Da gibt es momentan täglich Probleme, Bomben und so.

Diyarbakir kennen wir von früheren Touren. Mit dem Camper und auch mit dem Fahrrad waren wir schon dort. Sie ist auch unter dem Namen, die „Heimliche Kurdenhauptstadt“, bekannt.

Noch in Äthiopien (Mitte März) habe ich übers Auswärtige Amt die Sicherheitshinweise für die Türkei gelesen. Da Stand sinngemäß geschrieben, in Großstädten Menschenansammlungen meiden und in den Kurdengebieten und Grenznahen Gebieten zu Syrien und Irak ist mit vermehrten Kontrollen zu rechnen. Den Weisungen der Sicherheitskräfte sollte man Folge leisten.

Die Mitteilungen waren nicht unbedingt sehr aufregend für mich, denn schon immer haben wir, speziell was die Osttürkei betrifft, von den Problemen gewusst und dies auch in der Regel als Randerscheinungen mitbekommen. Es gab aber nie so richtige Probleme. Um auf Nummer sicher zu gehen, war für uns auch immer wichtig, frag einfach die Menschen vor Ort, denn die kennen sich am besten aus. Damit sind wir immer gut gefahren.

Ich sage dem Vermieter, nach Diyarbakir wollen wir nicht.

Bevor wir Antalya verlassen, kaufen wir noch in aller Langsamkeit ein. Neben Lebensmitteln brauchen wir unbedingt zwei wuschelige Decken. In den Bergen ist es kalt, habe ich Gi geflüstert.

Alles an Bord
Alles an Bord

Unser fahrbarer Untersatz bietet alles was wir benötigen. Am angenehmsten ist das Raumvolumen. So macht die Langsamkeit viel Freude. Da wo es uns gefällt stoppen wir, verweilen je nach Lust und Laune, grillen, lassen die Seele baumeln, unternehmen Wanderungen, besorgen Proviant, schauen für Stunden in die Landschaft oder huscheln uns für die Nachtruhe in unsere Wuscheldecken.

 

In den Wuscheldecken besuchen uns dann regelmäßig die oft surrealen Tagesbilder, auch die Landschaften mit ihren dicken Wolken. Die Wolken gehören im April einfach oft dazu. Sie stören uns nicht.

Sie gehören dazu
Sie gehören dazu

Wenn aber die Sonne siegt, sind wir natürlich nicht böse. Wir tanken dann ihre Energie in uns auf. Die Natur gibt uns viel.

Wir tanken ihre Energie
Wir tanken ihre Energie

Sie schenkt uns Regenbögen. Sie schenkt uns Farben. Sie schenkt uns wunderschöne Momente, Stunden und Tage. Und wir lernen viel.

 

 

Sie schenkt uns Farben
Sie schenkt uns Farben
Burgen sind eigentlich ideale Plätze
Burgen sind eigentlich ideale Plätze

Auf unserem Weg nach Osten, übernachten wir auch an drei Burgen. Wir lieben die Ruhe an diesen Burgen- Übernachtungs-plätzen. Wir fühlen uns da  immer irgendwie beschützt, irgendwie geborgen. Eine ganz besondere Burg finden wir östlich von Adana. 15 Tage sind wir da schon mit unserem Raumwunder unterwegs. Nur um die 1700 Kilometer zeigt mir der Tacho für die Strecke bisher. Wir haben ja Zeit. Und die Langsamkeit hat uns bisher so viel gegeben. Die Besonderheit der Burg? Vom Hügel aus können wir schon die nächste Burg Richtung weiter Osten erspähen. Am nächsten Tag, es ist der 18. April, lassen wir aber die Erspähte links liegen, fahren im Wohlfühltempo einfach weiter, denn ich bin mir sicher, noch viele weitere Burgen werden wir finden.

 

Wie immer machen wir lange Pausen, denn Picknick auf türkische Art benötigt Stunden. Wir lieben diese Stunden mit genüsslichen Leckereien. Und kaum im Auto zurück, folgt der nächste Stopp, denn Mohnblumenfeld folgt auf Mohnblumenfeld. Was ich da noch nicht wissen kann, es ist für die nächsten Wochen das letzte Foto.

Letztes Bild für lange Zeit
Letztes Bild für lange Zeit

Nur wenige Kilometer weiter, finden wir, ca. 5 km südlich von Gaziantep, mit Hilfe von Bauern eine weitere Burg. Sie ist in meiner Karte eingezeichnet, war aber schwierig zu finden. Eigentlich ist es nur ein Burghügel mit nur noch wenigen uralten Steinen. Da es schon spät ist bleiben wir. Am nächsten Morgen wollen wir zum Nemrut Dag (herrlicher Berg im Norden) weiter fahren.

Gerade, als wir Abendbrot machen wollen, kommt ein Polizist auf einem Moped zu uns.

Ihr könnt hier nicht schlafen, hier ist kein guter Platz, erklärt er uns.

Wir fragen, wo ist denn ein guter Platz? Im nahen Dorf, sagt uns der Mann.

Ich fahre die ca. 500 Meter ins nahe Dorf. An der Dorfbrücke finden wir einen geeigneten Platz, denken wir zumindest.

 

Gut eine Stunde später, es ist bereits dunkel, werden wir von schwer bewaffneten Polizisten umstellt. Das Auto wird sofort durchsucht. Wir müssen unsere Pässe abgeben. Wir werden verhaftet, müssen mit in die Polizeistation. Der Alptraum beginnt. 

Die folgenden Ereignisse sind für uns, von ihrer surrealen Vielfältigkeit so immens, dass es mir momentan nicht möglich ist, all die Ereignisse im Detail zu beschreiben, denn sie würden ein Buch füllen. Auch sind bestimmte Erlebnisse für uns noch immer nicht richtig einzuordnen, noch immer nicht richtig verarbeitet. Deshalb werde ich nur stichpunktartig den Alptraum- Ablauf hier kurz mitteilen (später vielleicht mal mehr). 

2 Nächte verbringt Gi in einer Zelle einer Polizeistation von Gaziantep. Mich schafft man in den 2 Nächten in ein Gefängnis außerhalb der Polizeistation. Bei Tag werden wir gemeinsam bzw. getrennt verhört. Man fotografiert uns. Fingerabdrücke werden genommen. Verdächtigt werden wir zu Beginn der Spionage. Es geht weiter mit dem Verdacht, wir hätten Verbindung zur ISIS, wollten illegal nach Syrien, wären früher schon in Syrien gewesen und mich fragt man oft, ob ich nicht in Wirklichkeit Journalist sei.

Unser Laptop und unsere 2 Mobile werden untersucht. Bei ca. 30.000 Bildern auf dem Laptop keine leichte Aufgabe für die Bildüberprüfer. Auch hat man große Probleme mit all unseren Stempeln und Visas in unseren Pässen. Der Höhepunkt ist allerdings, als man uns Bilder unterjubeln will, welche nicht von uns stammen. Da rasten wir kurz aus, verlangen, dass endlich ein deutscher Übersetzer kommt und wollen auch mit der Deutschen Botschaft in Ankara sprechen. Angeblich bekommen sie keine Verbindung mit der Botschaft. 2 deutsche Übersetzter sind dann für einige Stunden da. Allerdings sind es sehr schlechte Übersetzter. Kostet uns alles sehr viel Nerven. 

Einzeln werden wir am 2. Tag vom türkischen Geheimdienst vernommen. Erstmals keimt Hoffnung auf, denn die zwei Männer erklären uns nach gut 2 Stunden Gesprächsverhör, unabhängig voneinander, sie glauben nicht, dass wir irgendwas verbrochen haben. Problem sei, dass wir genau in dieser Polizeistation sitzen und der Chef erst lernen muss, dass es auch Unschuldige gibt.   

 

Eine meiner Krankenhausuntersuchungen
Eine meiner Krankenhausuntersuchungen

Am 3. Tag haben wir einen Termin beim Haftrichter. Vorher werden wir in einem Krankenhaus untersucht, müssen unter-schreiben, dass man uns gut behandelt hat. Mit Handschellen werden wir ins Gerichtsgebäude geführt. Wegen der Handschellen bricht für Gi eine Welt zusammen. Sie weint fürchterlich. Der Gerichtstermin wird um 4 Stunden verschoben, da wir auf einen vereidigten Dolmetscher bestehen. Man wollte die Verhandlung auf Englisch führen.

Die Verhandlung dauert dann keine 10 Minuten. Nur wenige Fragen werden uns gestellt. Warum wir an der Burg schlafen wollten? Auf einer Karte sollen wir den Weg mit dem Mietauto erklären. Was wir arbeiten will man wissen und ob wir ISIS Leute kennen. Draußen warten viele weitere Gefangene in Handschellen. Es erscheint uns wie Fließbandabfertigung. Der Dolmetscher ist nicht vereidigt und spricht schlecht Deutsch. Der Haftrichter ist eine Richterin. Komischerweise schaut sie uns nicht an. Das Urteil, welches uns der schlechte Übersetzer versucht zu erklären lautet: Wir wären eigentlich schon frei. Deshalb müssen wir nicht zurück ins Gefängnis. Wir kommen in ein Gästehaus des türkischen Staates. Wir können uns die Stadt anschauen. Müssen nur am Abend ins Gästehaus zurück und uns einmal täglich bei der Polizei melden. In 2 bis 3 Tagen wäre dann ein weiterer Termin. Man will in der Zwischenzeit noch einiges überprüfen. Unsere 2 Pflichtverteidiger (nur einer spricht Englisch) gratulieren uns. Während der kurzen Verhandlung hatten sie kein Wort gesprochen.

 

Wir sind nicht unbedingt happy, jedoch denken wir, in 2 bis 3 Tagen sind wir ja frei, schauen uns halt so lange die schöne Stadt an und schlafen erstmal richtig aus, denn geschlafen haben wir die letzten 3 Tage fast nichts.

Um die 30 Minuten werden wir durch die Millionenstadt gefahren. Vor einem großen Gebäude hält das Polizeiauto. Aus den vergitterten Fenstern schauen viele Männer auf uns. Das ist kein Gästehaus, schreit Gi, das ist ein Gefängnis. Man hat uns belogen, warum auch immer? Wir werden es nie erfahren.

Wir sind absolut schlecht drauf. Das interessiert natürlich das Gefängnispersonal nicht. Wir werden erneut am Körper durchsucht und auch unsere Sachen werden regelrecht auseinander gerissen. Gi verlangt, dass sie mit der Botschaft telefonieren darf.

 

Eine nette Frau ist am anderen Ende der Strippe. Sie gibt Gi einige Infos. Das Gespräch wird durch eine Gefängnisangestellte aber sehr schnell und sehr nachdrücklich unterbrochen. Gi beschwert sich nicht leise. Wir seien Terroristen, erklärt uns die Frau, da ist es so. Und außerdem kann sie uns nicht leiden. Wir würden nur Forderungen stellen.

Gi kommt in die Zelle der Frauen im Untergeschoss. Ich komme ins Obergeschoss zu den Männern.

 

Obergeschoß - Männerbereich

 

Auf ca. 144 Quadratmeter, unterteilt in 5 Räume ohne Türen, erwarten mich 55 Gefangene aus 19 Ländern. Ich bin der einzige Deutsche. Deshalb bin ich in der Knastzeit für alle nur der “Alemani“. Der jüngste Gefangene ist 16 Jahre alt. Der älteste ist 43. Sie könnten biologisch alle meine Kinder sein.

Es gibt 34 Betten (17 Doppelstockbetten), nur eine Toilette und 2 Wasserhähne. Einer der Wasserhähne ist die Dusche. Außer meiner Kleidung am Leib, besitze ich am ersten Tag nichts. Erst 3 Tage später bekomme ich meine Zahnbürste, Zahncreme, eine Decke, eine Unterhose und mein Handtuch in einer Plastiktüte ausgehändigt. Gi hat dafür gesorgt.

Die ersten Nächte schlafe ich im Flur neben der Toilette auf einer aufgeschlitzten Matratze. Es gibt einfach keinen vernünftigen Schlafplatz für alle. 2 stinkende Decken geben mir die Gefangenen. Manche Gefangene schlafen zu fünft auf  3 Matratzen auf dem Boden.

Natürlich lerne ich sofort, dass es eine Knasthierarchie gibt. Ein Tschetschene ist der Chef. Der Imam stammt aus dem Sudan. Die Kurden organisieren über das Gefängnispersonal die sehr gefragte Schmuggelware wie Zigaretten, Tee und Zucker. Zur Teeaufbereitung gibt es 2 verkeimte Wasserkocher. Die Iraner sagen mir, auf wen ich aufpassen muss, denn es wird leider auch geklaut. Besonders soll ich mir auch überlegen, was ich den ISIS- Leuten erzähle, denn die währen echt gefährlich. Verständigen tun wir uns Englisch, mit etwas Arabisch sowie mit Händen, Füßen oder auch in der Not mit Zeichnungen auf kleinen Zetteln. Auch erzählen sie mir, ich solle für den nächsten Gerichtstermin, vorher 2000 Dollar dem Richter zukommen lassen. 1000 Dollar ist der Preis pro Person für einen Freispruch, egal ob Mann/Frau im Sinne der türkischen Gesetze schuldig oder unschuldig ist. Einen Teil vom Geld bekommen auch unsere „Einfänger“. Über das Gefängnispersonal könnte ich dies alles reibungslos organisieren. Die kennen sich aus. Auch wenn ich irgendwann darüber nachdenke, ich/wir probieren diesen Weg nicht aus.

Im Hosenbund verstecke ich meine Notizen - erst zu Hause nachgestellt -
Im Hosenbund verstecke ich meine Notizen - erst zu Hause nachgestellt -

Der Imam - ein Mithäftling - ruft 5 x täglich zum Gebet. Die Gebetszeit ist eine Pflicht-veranstaltung für alle. Die Vorbereitung zum ersten Gebet beginnt gegen 3.30 in der Früh. Über 50 Männer müssen sich ja vorher waschen. Gegen 22.00 Uhr ist das letzte Gebet.

Das Essen wird uns 3 x täglich vom Personal durch das Gitter gereicht. An manchen Tagen gibt es nur 2 Rationen. Die Gefangenen erzählen mir, es wird durch eine Hilfsorgani-sation aus Europa bezahlt. Da die Hälfte der Gelder für das Essen vorher in anderen Taschen verschwindet, ist es halt so wie es ist. Wir schieben meist Knast im Knast.

Fast täglich verlassen Gefangene den Männertrakt. Sie kommen in andere Gefängnisse oder kommen frei. Fast täglich kommen aber auch neue Gefangene hinzu. Nach nur einer Woche sind wir ca. 80 Gefangene auf wahrlich engstem Raum.

Alle Wände sind mit Sprüchen vollgeschmiert. Die Gefangenen wollen von mir wissen, was der Spruch: „Merkel gleich Ferkel“, bedeutet. Ich lasse mir dafür im Laufe der Zeit, über hundert von den anderen Sprüchen, erklären. Ich „lebe“ mich irgendwie ein.

 

Auf einen kleinen Zettel mache ich mir einige Notizen. Diese verstecke ich in meinem Hosenbund (Foto habe ich zu Hause nachgestellt). Der Häftlings- Imam mag mich nicht besonders, deshalb verbietet er nach einigen Tagen den anderen Häftlingen, mir Zettel und Schreibgerät zu geben. Nur sehr selten kann ich danach, in der Toilette, kurze Notizen hinzufügen. Nicht alle Häftlinge halten sich an seinem Verbot.  

 

Untergeschoss – Frauenbereich

 

Gi ist in einer Zelle mit bis zu 10 Frauen aus 5 Ländern eingesperrt. Zwei der Frauen sind Schwanger. Je nach Belegungswechsel sind auch Kinder mit in der Zelle. Zumindest haben aber alle ein eigenes Bett und es gibt sogar eine richtige Dusche. Eine ihrer Knast- Kolleginnen ist angeblich Millionärin. Zumindest hat sie genug Geld (das Geld der Gefangenen ist im Gefängnis- Tresor deponiert) um über das Bewachungspersonal täglich „Sonderessen“ und Schminkartikel für die Knastfrauennachmittage in ihrer Zelle zu organisieren. 

Gi kommt recht flott mit den Frauen in ihrer Zelle klar, denn sie kann sich sehr gut mit den meisten auf Arabisch unterhalten. Sprachen verbinden. Unter Frauen herrscht auch in Notsituationen eine andere Not- Lebenskultur, behauptet Gi später. Nur mit den meisten weiblichen Bewacherinnen ist sie selbst ordentlich über Kreuz. Trotzdem gelingt es ihr (ihre Zelle ist neben den Büros der Gefängnisleitung) alle zwei oder 3 Tage ein kurzes Treffen mit mir zu organisieren. Wir bereden da innerhalb von 5 Minuten, in einem Raum der Gefängnisleitung, unsere missliche Lage. Telefonate mit der Botschaft, einem Anwalt oder gar mit unserer Familie in Deutschland, werden uns dabei nicht erlaubt.

Gebete sind in Gi’s Zelle keine Pflichtveranstaltung. Dafür sind aber Gi’s Frauen, und natürlich somit auch sie selbst, immer über die neusten Knast- Infos aktuell informiert, denn 2 der Frauen sprechen Türkisch, was die Bewacherinnen nicht wissen. Die Frauen belauschen regelmäßig die Bewacherinnen und auch die Gefängnisleitung.

Durch die vergitterten Gefängnisfenster (Gis Zelle liegt genau unter dem Männertrakt) lernen wir beide sehr schnell, dass wir uns zu bestimmten Zeiten (wenn der Gefängnishof gerade nicht durch Personal überwacht wird), genau diese Infos  austauschen können. Sehen können wir uns dabei nicht. Gi wird sehr schnell die wichtigste Info- Quelle für den Männertrakt. Ich bin dabei das Verbindungsglied zum Chef unserer Truppe. Er sagt mir, du hast aber eine richtig starke Frau. Für rein persönliche Informationen redet er nämlich immer selbst mit Gi durch die Gitterstäbe. Er will immer genau wissen, wer gerade im Frauentrakt untergebracht ist, bestimmte Namen erfahren. Er wartet schon länger auf eine marokkanische Frau, welche aus Syrien kommen soll.   

 

Über diese Lauscher- Quellen erfahren wir auch zwei persönlich wichtige Dinge. Am 24. April soll Angela Merkel angeblich in Gaziantep sein. Natürlich ist uns klar, dass sie nicht wegen uns kommt. Angeblich geht es bei diesem Staatsbesuch, neben anderen Dingen, auch um die bevorstehende Visafreiheit für die Türken. 

Einen Tag nach dem 24. April, besagen die Infos, Merkel war tatsächlich in der Stadt. Die zweite wichtige Info ist aber, dass ein internationaler Anwalt bei der Gefängnisleitung zu Besuch (die Frauen konnten erneut gut lauschen) war und über die 2 Deutschen sagte, das sind keine Terroristen, es  sind nur dumme Touristen. Die kommen ohne weiteren Gerichtstermin in 2 Tagen raus.

 

Natürlich sind wir glücklich über diese Information. Zwei Tage später bricht aber erneut eine Welt für uns zusammen. Wir kommen nicht raus. Ganz im Gegenteil. Eine der Wärterinnen sagt grinsend zu Gi, Merkel hat der Visafreiheit für die Türken nicht zugestimmt. Ihr werdet noch sehr lange unsere Gäste sein.

Am 28. April erfolgt im Gefängnis eine Großrazzia. Wir brauchen danach 3 Stunden um den Männertrakt wieder einigermaßen „wohnlich“ zu gestalten. Gesucht wurden ein vermutetes Handy und ein Messer. Das Messer wurde gefunden. Damit hatte in der Nacht einer meiner Mitgefangenen versucht sich umzubringen. Er hat überlebt, wurde aber noch in der Nacht in ein anderes Gefängnis gebracht.

Nach dem Vorfall wurde ein Teil der Gefängnisleitung ausgetauscht.

 

Am Morgen des 4. Mai, angeblich sollten wir an diesem Tag erneut freigelassen werden, wird das ganze Gefängnis deportiert. Ich habe mich nicht verschrieben. Die Wachmannschaften hatten tatsächlich laufend “Deportation“ gerufen. Gi und mir lief es eiskalt den Rücken runter. 

Zwei Stunden später bin ich dann der erste Gefangene, der mit Handschellen die 2 Sicherheitsschleusen im neuen Gefängnis betritt. 85 Prozent der Einrichtung (es ist ein Neubau) sowie das Essen wurde bzw. wird durch die EU finanziert.

 

Alle zwei Tage dürfen wir uns im neuen Gefängnis für 5 Minuten sehen. Die restliche Zeit verbringen wir in einer Zelle für jeweils 6 Gefangene. Nur in den Abendstunden kann ich mich mit Gi über den Hof durch die Gitterfenster manchmal zusätzlich durch lautes Brüllen verständigen.

 

Im Frauentrakt wird durch einen Wachmann einem Kind das Nasenbein gebrochen. Eine Schwangere wird in ein Krankenhaus gebracht. Sie hat eine Fehlgeburt.

 

Zwei Nächte teile ich eine Zelle mit dem Knast- Chef, dem Iman und 3 Iranern. Da eine Auseinandersetzung zwischen dem Imam und mir in einer Schlägerei ausartet, werde ich in eine andere Zelle verlegt.

Bei unseren 5 minütigen Treffen sind wir regelmäßig erschöpft, deprimiert, unglaublich wütend, gereizt und ohne Hoffnung auf baldige Freilassung. Man belügt uns einfach zu oft. Zwei weitere Schein- Gerichtstermine werden uns da geflüstert.

 

Am 10. Mai haben wir völlig überraschend tatsächlich einen Gerichtstermin. Wir glauben es jedoch erst, als wir wirklich im Gerichtssaal stehen. Nach 30 Minuten erfolgt durch den Richter der Freispruch.

 

Wir umarmen uns, heulen wie die Schlosshunde und harren der weiteren Erklärungen.

 

Der vereidigte Dolmetscher übersetzt: Wir sind weder Terroristen, noch Spione, noch hätten wir Verbindungen zur ISIS. Wir sind somit frei!

Unsere, vom türkischen Staat gestellte Pflichtanwältin (wir hatten sie vorher nie gesehen), versucht uns danach schonend zu erklären, dass ein Freispruch in der Türkei nicht unbedingt gleich frei bedeutet. Wir müssen zurück ins Gefängnis, denn wir werden ausgeflogen, sofern wir die Flüge bezahlen können. Wenn nicht, dauert es halt länger. Unsere elektronischen Medien werden uns nach 18 Tagen Wartezeit, durch das Gericht, bzw. durch sie persönlich, nach Deutschland nachgeschickt. Unser Mietauto wurde durch die Mietstation in Antalya bereits schon vor Tagen im Knast abgeholt. Ein Jahr dürfen wir nicht in die Türkei reisen. Unseren, bereits in Äthiopien gebuchten und somit auch bezahlten Flug (Termin wäre der 19. Mai), von Antalya nach München, dürfen wir nicht nutzen.  Wir können aber im Gefängnis den Landeflughafen für Deutschland noch heute selbst bestimmen.

Warum können wir nicht das Gericht nach dem Freispruch als freie Menschen verlassen, wollen wir wissen. In der Türkei sind die Gesetze so. Diese gelten auch für uns als Ausländer, wird uns erklärt. Es ist halt so. Wir sollen keinen Schwierigkeiten machen, dies wäre absolut nicht gut für uns. 

 

Als wir erneut im Knast ankommen, steht unser gemietetes Auto im großen Knasthof. Wir wurden erneut belogen. Auch über den Zielflughafen redet niemand mit uns. Wir hoffen da nur, der Rest stimmt wirklich.

Am nächsten Morgen werde ich aus der Zelle geführt. Gi treffe ich in einer der Sicherheitsschleusen. Man bringt uns zu einem Auto. Zwei Männer zeigen uns die Flugtickets. Über Istanbul soll es nach Hamburg gegen. Zum Bezahlen haben sie unser Geld aus dem Tresor genommen, sagen uns die zwei Männer.

 

Als wir im Auto sitzen, sagt Gi, wo ist unser Gepäck?

Ihr habt noch Gepäck, fragt einer der Männer.

Ja, und das wollen wir!

Wir haben keine Zeit. Jetzt muss alles schnell gehen. Der Flieger wartet nicht. Euer restliches Geld und die Pässe habe ich, sagt der Kerl irgendwie gelangweilt.

Gi bekommt einen furchterregenden Schreianfall.

 

Sie macht die Tür vom Wagen auf, geht zurück zum Tor und schreit unüberhörbar. 10 Minuten später kommt sie mit unseren Sachen zurück. Zumindest denken wir, dass es alle sind. Erst später stellen wir fest, viele unserer Sachen fehlen.  Es wurde durch das Gefängnispersonal geklaut. Ein Goldring, welchen Gi von ihrer geliebten Oma immer auf Tour als Andenken dabei hat, fehlt auch. Alles was irgendwie für die Bewacher Wert hatte, ist nicht mehr da.

 

Den Flieger betrete ich mit meinen blauen Knastlatschen. Meine persönlichen Latschen waren nicht „auffindbar“. 

Die zwei Männer sitzen im Flieger zwischen uns. In Istanbul bringen sie uns bis in den nächsten Flieger. Dort bekommen wir dann unsere Pässe und das restliche Geld in einer Plastikfolie ausgehändigt. Ich zähle nicht nach. Ich will nur noch raus.

 

Zum Abschied sagt unserer Begleiter zum fünften Mal in schlechtem Englisch: Vergesst nicht, ihr werdet nicht ausgeflogen, ihr verlasst unser Land als freie Touristen. Die Türkei ist eine Demokratie. Vergesst da nicht!

 

Wir antworten nicht. Wir wollen nur noch raus. Die Schmierenkomödie kotzt uns nur noch an.

Auf dem Flug nach Hamburg sitzt eine Deutsch- Türkin neben mir. Sie lebt in Hamburg. Sie möchte von mir wissen, wie es mir in der Türkei gefallen hat.

Ich sage ihr nur: Es war wie immer sehr interessant. Die Türkei hat ja so viele unterschiedliche Gesichter.  

Sie nickt, setzt ihrer Kopfhörer dabei auf und nuschelt vor sich hin: Ja, das stimmt.

 

 

In Hamburg erwartet uns nicht der deutsche Geheimdienst. Wir verständigen unsere Familie per Telefon in Sonneberg. Die fallen aus allen Wolken. 

Endlich FREI SEIN
Endlich FREI SEIN

 

 

Nur wenige Stunden später sehe ich auf einem Pflasterweg in Hamburg zwei sinnige Worte mit Kreide aufgemalt:

 

 

FREI SEIN

 

Ich bitte Gi, mache doch ein Foto davon. Die 2 Wörter passen zwar nicht gut zu meinen Knastlatschen, jedoch die 2 Wörter selbst finden wir irgendwie herrlich passend platziert.

 

24 Alptraumtage und 23 Alptraum-nächte sind endlich vorbei.   

PS:

Unsere elektronischen Datenträger haben wir trotz vieler Bemühungen noch immer nicht. Bereits im Gefängnis hatten mir Mithäftlinge erklärt, nur wenn du bezahlen wirst, bekommst du sie zurück.

Momentan kümmert sich eine nette Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft in Ankara um unsere Problematik. Jedoch musste ich vor wenigen Tagen in der "Süddeutschen Zeitung" lesen, dass die Deutsche Botschaft in Ankara bereits seit zwei Monaten systematisch an ihrer Arbeit gehindert wird. Ich kann mir dies wahrlich gut vorstellen!

                                     

Von den angefertigten Vernehmungsprotokollen, haben wir nicht eine Ablichtung erhalten. Wenn wir irgendwas unterschreiben mussten, haben wir immer mit dem Zusatz: Unter Vorbehalt, da der tückischen Sprache nicht mächtig, unterschrieben.

Auch haben wir keine Anklageschrift bzw. den Urteilsspruch erhalten. Dies auch nicht als Ablichtungen von unseren gestellten Anwälten. Alles wurde immer in türkischer Sprache verlesen und von einem Dolmetscher, welcher selbst nicht die Schriftzüge vor Augen hatte, leidlich übersetzt.

Das einzige was in unserem Besitz ist, ist eine Ablichtung einer Gesundheitsuntersuchung in einem Krankenhaus. Die hatte ich einfach eingesteckt und wurde bei der Entlassung nicht entdeckt. Musste ja dann alles sehr schnell gehen.

 

Danke für die Begleitung durch Dick + Dünn
Danke für die Begleitung durch Dick + Dünn

Ich hoffe, trotz dieser etwas rustikalen Schlussgeschichte, hat es Euch insgesamt etwas Spaß und Freude bereitet, mit uns durch die Welt zu ziehen. Darüber würden wir uns sehr freuen. Das Leben kann manchmal hart sein. Jedoch sind unsere Gedanken bereits wieder auf Tour, denn das Leben ist zum Glück meist schön. Wenn diese erneuten Fernweh- Gedanken mit Leben gefüllt werden, werde ich mich natürlich erneut melden.

 

Bis dahin,     

 

LG, Wi + Gi                         Stand: Ende NA 2014-16  im Mai 2016

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Abgelatscht - 5740 Wanderkilometer durch 11 Länder - Wi + Gi Hofmann
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Iran
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Mit der Enfield durch Indien
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Mein Steg, mein Strand, mein Meer
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Kurdische Lebenslinien - Iran
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Mondsichelstürmer
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Spiegelung
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Die Sonnenfängerin
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Wanderung Neuseeland
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Beim Straßenzahnarzt in Indien
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Kappadokien
Kappadokien
"Leeres Viertel"
"Leeres Viertel"
Hahn im Korb - Oman
Hahn im Korb - Oman
Neuseeland
Neuseeland
Australien
Australien
Indien
Indien